Stromlose Mainzer Mieter sollen ins Hotel

Blick in den Versorgungsschacht in Silvia Roßkopps Küche. Die Mieterin eines Einzimmerappartements im Finther Sertoriusring muss seit Wochen ohne Strom auskommen.         Archivfoto: Sascha Kopp

Noch immer sind Mieter im Sertoriusring im Mainzer Stadtteil Finthen ohne Strom. Eine Stellungnahme der Hausverwaltung stößt auf Kritik.

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MAINZ-FINTHEN. „Es hat sich nichts getan.“ Silvia Roßkopp seufzt. Es ist der Beginn von Woche fünf ohne Strom in ihrem Einzimmerappartement im Finther Sertoriusring. Auch sieben weiteren Mietern aus dem linken Abschnitt des achtstöckigen Hochhauses mit der Hausnummer 3 geht es so wie der 69-Jährigen. Ursache sind die beiden Brände in dem Gebäudekomplex mit insgesamt 43 Wohnungen (siehe Infokasten). Seit den Vorfällen im September fühlen sich die betroffenen Mieter alleingelassen.

Mittlerweile hat sich die FNW Haus- und Grundstücksverwaltung GmbH mit Sitz in Wiesbaden ausführlich schriftlich gegenüber dieser Zeitung geäußert. Geschäftsführerin Alexandra Offermanns betont, der Fall habe bei der FNW „höchste Priorität“: „Es liegt ... nicht in unserem Interesse, die Eigentümer verängstigt mit dem Problem alleine zu lassen.“ „Leider“ sei der FNW erst seit vergangenem Dienstag bekannt, wer von den Mietern „in seiner Wohnung verbleiben musste beziehungsweise zum Teil auch wollte“.

Weitere Notstromversorgung sei ausgeschlossen

Alle Mieter und Mieterinnen könnten eine Ersatzunterkunft beziehen, „da sie hierfür die Miete, die sie um 100 Prozent kürzen, nutzen können“. Das wüssten die Bewohner, „da wir ... die Eigentümer und Bewohner gleichermaßen informieren“. Den Vermietern wiederum sei es möglich, Mietkürzungen von der Gebäudeversicherung zurückzuerhalten. Die FNW sei davon ausgegangen, dass spätestens am 16. September alle betroffenen Bewohner ausgezogen seien, „da keiner in der Wohnung verbleiben muss“. Die FNW verwalte in dem Komplex nur das Gemeinschaftseigentum und kenne „daher nicht immer alle Mieter und Einrichtungen“.

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Die zuständige Versicherungsmaklerin als auch die FNW, so Offermanns weiter, hätten die Bewohner unmittelbar nach dem zweiten Brand, informiert, „dass sie ausziehen müssen“. Begründet wird dies damit, dass eine weitere Notstromversorgung ausgeschlossen sei. Die Mieter könnten die Kosten ihrer Unterbringung bei der Hausratversicherung geltend machen. Wenn eine solche Versicherung fehle, könnten sie wenigstens den Betrag zur Ersatzunterbringung einsetzen, den sie normalerweise als Miete zahlen.

Eben genau diesen Vorschlag der FNW findet Silvia Roßkopp allerdings nahezu unverschämt: „Ich bezahle eine monatliche Warmmiete in Höhe von 480 Euro. Damit kommt man nicht weit, wenn man mit dem Geld einen ebenfalls einmonatigen Hotelaufenthalt finanzieren wollte.“

Der Kritik der Mieter, sie würden gar nicht oder nicht ausreichend informiert, entgegnet die FNW unterdessen: Die Maklerin habe die Bewohner am 15. September informiert, die FNW „nochmals schriftlich per Mail am 19. September“. „Leider“ habe die FNW „nicht von allen Eigentümern/Bewohnern die E-Mail-Anschriften, wodurch die Postlaufzeit die schriftliche Information verzögert“. Die Eigentümer der Wohnungen seien informiert, „dass sie uns die Mietverträge einreichen sollen, damit die Regulierungen vorgenommen werden können“. Allerdings seien der FNW bislang lediglich zwei Verträge überlassen worden.

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Dazu sagt Silvia Roßkopp am Montagmittag: „Ich bin bis zum heutigen Tag von niemandem über irgendwas informiert worden. Auch nicht per Post. Und per E-Mail wäre das ja auch gar nicht gegangen, denn ich habe ja wie gesagt keinen Strom in der Wohnung ...“ Derweil heißt es in der Stellungnahme der FNW weiter, der Schacht, in dem es zweimal gebrannt hat, müsse nun „leider komplett entkernt werden“. Man arbeite „mit Hochdruck daran, den Schaden zu beheben“.

Sanierung soll 150.000 Euro kosten

Ein Gutachter habe am vergangenen Dienstag den Schaden in Augenschein genommen und „die kurzfristige Freigabe der Angebote zugesichert, da er sie auf den ersten Eindruck für plausibel hält“. Die Angebote für die Sanierung des Versorgungsschachtes lägen „inklusive der Bewegungskosten von Mobiliar derzeit bei etwa 150.000 Euro“. Diese Summe werde von der Gebäudeversicherung übernommen, daher müsse diese auch die Freigaben erteilen.

Zur Frage, ob womöglich alle Versorgungsschächte in den Hochhäusern am Sertoriusring, weil alle in den 70ern gebaut, die gleichen Brandschutzmängel aufweisen wie in einem Teil von Haus Nummer 3, antwortet die FNW: „Brandschutzrechtlich war die Bauweise zum damaligen Zeitpunkt wohl in Ordnung, da sonst die Baugenehmigung nicht erteilt worden wäre.“ Man habe jedoch nach dem zweiten Brand sofort einen Gutachter eingeschaltet. Im Rahmen ihres Berichtes in der jüngsten Eigentümerversammlung, so Geschäftsführerin Offermanns, habe sie über dessen Ergebnisse berichtet „und auch dringlich darauf hingewiesen“, dass die Unterverteilungen, die Sache der Eigentümer seien, aus den Schächten nach außen verlegt werden müssten. Auch habe die FNW klargemacht, „dass keine Küchenabluftgeräte an die Schächte angeschlossen werden dürfen, da hierdurch Fett- und Schmutzpartikel eingebracht werden, die die Gefahr eines Fettbrandes im Abluftschacht erhöhen“.

Gegenüber dieser Zeitung hatte einer der Wohnungseigentümer erklärt, in der Eigentümerversammlung habe man nur kurz über den Brandschaden gesprochen. Dazu die Geschäftsführerin: „Das ... entspricht nicht der Tatsache. Ich habe über alle Einzelheiten berichtet“.

„Mit Sicherheit“ werde man die Sanierung des Schachtes „kurzfristig angehen, damit die Bewohner wieder schnellstmöglich in ihre Wohnungen zurückkehren können“. Man werde Sammelaufträge vergeben. Offermanns: „Leider können wir das aber nicht ohne die Zustimmung und die Kostenübernahme der jeweiligen Eigentümer.“

Angesichts dieser Äußerungen seufzt Mieterin Silvia Roßkopp erneut: „Bis ich wieder Strom habe, das wird wohl noch dauern.“