Schüler setzen sich mit dem dunkelsten deutschen...

Schirmherr Johannes Gerster überreicht den Wettbewerbsteilnehmern in der Synagoge die Preisurkunden. Foto: hbz/Stefan Sämmer

„Erinnerung sichtbar machen“ zum 80. Jahrestag der Pogromnacht – Mainzer Schülerinnen und Schüler bei bundesweitem Geschichts- und Medienwettbewerb erfolgreich.

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MAINZ. Die Mainzer Synagogen brennen. Horden von Nationalsozialisten ziehen durch die Straßen, verwüsten jüdische Geschäfte und Wohnungen, misshandeln ihre Bewohner. Unmenschliche Szenen spielen sich ab an diesem 10. November des Jahres 1938, nachdem die NS-Führung in der Nacht reichsweite Pogrome angeordnet hatte.

Die Erinnerung daran sichtbar zu machen, das war das Motto des bundesweiten Wettbewerbs, den der Verein „Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet“ anlässlich des 80. Jahrestages der „Reichspogromnacht“ in diesem Jahr veranstaltet hat. Auch Mainzer Schüler haben daran teilgenommen – und das mit großem Erfolg: Eine vierköpfige Gruppe des Willigis-Gymnasiums hat den ersten Platz erreicht; zwei Schüler des Rabanus-Maurus-Gymnasiums können sich über einen vierten Platz freuen.

„Wir ehren heute Schülerinnen und Schüler, die sich mit großem Ernst mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinandergesetzt haben“, lobte Schirmherr Johannes Gerster bei der Preisverleihung in der Mainzer Synagoge. Dass dieses Thema erschreckende Aktualität besitze, führten ausländerfeindliche und antisemitische Gewalttaten sowie der weltweit erstarkende Rechtspopulismus deutlich vor Augen.

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„Der spürbare Rechtsruck war der Anlass für diesen Wettbewerb“, erklärt der Koordinator, Professor Karl-Friedrich Fischbach: Schüler zur Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen anzuregen, sei der beste Schutz vor dem rechten Gedankengut. Dieses Konzept sei aufgegangen: „Es hatten sich über 30 Schulen aus acht Bundesländern angemeldet, und nach dem Einsendeschluss am 30. September lagen tatsächlich 26 hochwertige Projekte vor“, sagt Fischbach.

Die vier Willigis-Schüler konnten die Jury mit ihrem zehnminütigen Filmbeitrag schließlich überzeugen. Von Originalbildern über Zeitzeugen- und Experten-Interviews bis hin zu nachgespielten Szenen ist ihnen ein hochwertiger Dokumentarfilm gelungen. „Besonders beeindruckt hat es uns, mit welcher Konsequenz die Gruppe nach den Ereignissen von Chemnitz entschieden hat, den aktuellen Bezug kurzfristig in den Film aufzunehmen“, betonte Professor Felix Hinz in seiner Laudatio.

Der Film erinnert aber nicht nur an die barbarische Gewalt der Nationalsozialisten, sondern auch an mutige Aktionen gegen das Regime: Am Morgen nach der „Pogromnacht“ fanden die Bewohner des Priesterseminars vor ihrer Pforte eine Tora-Rolle und versteckten sie daraufhin vor den Nationalsozialisten. „Die Tora-Rolle war der Ausgangspunkt für unsere Recherchen“, sagt Schülerin Franziska Kißener. Gemeinsam mit Simon Leoff, Matthias Nick und Frederic Farhat sowie Lehrer Claus Christian Speck kann sich die Zwölftklässlerin über 5000 Euro Preisgeld freuen. Der immaterielle Gewinn geht darüber natürlich weit hinaus: „Wenn wir heute durch Mainz laufen, sehen wir viele Plätze in einem anderen Licht“, sagt Matthias Nick.

Diese Erfahrung teilen auch Alexander Ott und Nils Weber vom Rabanus-Maurus-Gymnasium, die sich mit historischen Fotografien von Mainzer Gebäuden und Straßen beschäftigt haben: „Wir haben die Orte aufgesucht und versucht, sie möglichst genau nachzufotografieren“, erklärt Ott. Für das Ergebnis, eine virtuelle Zeitreise mit dem Portal „Future History“, wurden die beiden Schüler der 13. Jahrgangsstufe mit einem vierten Preis ausgezeichnet.

Insgesamt erhielten sechs Projekte einen Preis. „Wir waren von der Qualität der Arbeiten überrascht, ja begeistert, sodass wir diesen Wettbewerb in Zukunft in geeigneter Weise fortsetzen werden“, sagte Schirmherr Gerster. Auch Willigis-Schüler Simon Leoff wirft den Blick nach vorne: „Unser Film ist zwar zu Ende, aber das eigentliche Projekt fängt jetzt erst an: Menschen, die politisch rechts stehen, müssen überzeugt werden, dass die Erinnerung an die NS-Verbrechen nicht aufhören darf. Es liegt uns sehr am Herzen, dass diese Erinnerungskultur weitergetragen wird.“