Schauspieler Tino Leo führt Stück über Mainzer Republik vor...

Mit Jakobiner-Mütze unternimmt Schauspieler Tino Leo eine Zeitreise durch die Höhen und Tiefen der Mainzer Republik. Foto: hbz/Wallerius  Foto: hbz/Wallerius

Die Mainzer Republik als Ein-Mann-Historienritt in 15 Minuten? Kein Problem für Tino Leo. Der Mainzer Schauspieler und Autor kennt sich aus mit der Reduktion literarischer und...

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MAINZ. Die Mainzer Republik als Ein-Mann-Historienritt in 15 Minuten? Kein Problem für Tino Leo. Der Mainzer Schauspieler und Autor kennt sich aus mit der Reduktion literarischer und historischer Stoffe auf ihren Wesenskern. Goethes Schwergewicht „Faust“ hat er schon äußerst unterhaltsam auf seine einstündige Dramen-Essenz eingedampft und auch dem archaischen Heldenepos des Nibelungenliedes mit einer modern gewitzten Kurzversion den Schrecken genommen. Normalerweise führt der 35-Jährige seine originalgetreu auf den Kern gebrachten Kompaktversionen von Klassikern vor Schülern auf.

Die Premiere des in fünf Monaten erarbeiteten Polit-Dramas über eines der spannendsten Kapitel der Stadtgeschichte findet indes ein weit prominenteres Publikum. Am Montag, 19. März, lässt Leo die prägenden Phasen der Mainzer Republik in den Rollen ihrer Protagonisten wie Gegner beim Festakt im Landtag vor den Augen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier abrollen. Eine erste Fassung des Stücks, eine Auftragsarbeit des Landtags und des Instituts für Geschichtliche Landeskunde, hat der Multimime, der alle Akteure selbst spielt, schon anlässlich des „Tages der Deutschen Einheit“ aufgeführt. Seine Methode, trockene historische Fakten über Emotionen und Indentifikation mit den handelndem Personen erlebbar zu machen, kam so gut an, dass nun eine modifizierte szenische Short-Story des gescheiterten frühen Demokratieversuchs folgt.

Am 18. März 1793 – vor genau 225 Jahren – riefen die Abgeordneten des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents, dem ersten frei gewählten Parlament auf deutschem Boden, im Deutschhaus die Mainzer Republik aus. Nach nur vier Monaten endete das Experiment der Volkssouveränität unter dem französischen Banner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Granatenhagel der preußischen Belagerer.

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Dennoch seien hier die Wurzeln einer demokratischen Traditionslinie, die von der Frankfurter Paulskirche über Weimar bis zur Verfassung der Bundesrepublik führte, gelegt worden, sagt Leo. Seine viertelstündige Republik-Revue endet denn auch mit einem visionären Ausblick auf das Hambacher Fest 1832. Von den dramatischen Ereignissen 1792/93 habe er erst im Rahmen seiner Recherchen erfahren, erzählt Leo. Um so tiefer kniete er sich in Bücher über die Zeit, sprach mit Experten, studierte im Stadtarchiv Briefe von Georg Forster oder die hektische Handschrift des weniger bekannten Mainzer Jakobiners Friedrich Lehne. Lehne, dessen deutsche Marseillaise im Landtag erklingen wird, habe für die Ideen der Französischen Revolution förmlich gebrannt. Ihm, dem enthusiastischen Unruhegeist, leiht Leo ebenso die Stimme wie dem 1793 hingerichteten Revolutionär Adam Lux oder General Custine, der die Festung Mainz im Oktober 1792 nahezu kampflos einnahm. Das komprimierte Mainzer Republik-Panorama soll sperrige Geschichte für Jedermann verständlich machen. Es beginnt mit dem Aufklärer Immanuel Kant, dessen Ideen in die Französische Revolution mündeten, springt zum Debattierclub der Jakobiner mit ihren „Schlumpfmützen“, den zuweilen karnevalesk anmutenden Freiheitsbaum-Ritualen, den Wahlen zum Nationalkonvent, lässt aber auch nicht die Schattenseiten der von vielen Mainzern als Zwangsregime empfundenen Besatzungsmacht mit Eidzwang und Deportationen außer Acht. Die aus vielen Originalzitaten komponierte Ein-Mann-Collage wolle nicht werten, sondern die Zuschauer für das vielerorts in Vergessenheit geratene spannungsgeladene Ringen um Freiheitsrechte begeistern, sagt Leo. Der Applaus des Bundespräsidenten dürfte ihm gewiss sein. Eine längere, 45-minütige Variante seines sehr vitalen Geschichtsstücks über Aufstieg und Fall der Mainzer Republik, die sich speziell an Schüler richtet, ist bereits in Planung.