Orgel aus St. Johannis erklingt im Harz
Die vor drei Jahren aus der Johanniskirche demontierte Orgel wird zum Jahresende wieder erklingen. In der Klosterkirche von Ilsenburg wird das Instrument zurzeit wieder aufgebaut.
ILSENBURG/MAINZ. Sie klingt wieder, die ehemalige Orgel aus der Mainzer Johanniskirche. Allerdings klingt sie bislang nur zum Teil, denn noch befindet sich das Instrument im Aufbau. Die Anfang der 1960er-Jahre in der Johanniskirche errichtete Orgel musste vor drei Jahren wegen archäologischer Ausgrabungen demontiert werden. Sie wurde an die Stiftung Kloster Ilsenburg in den Ostharz verkauft. Dort bemüht sich seit Jahrzehnten die von der in Hirzenhain beheimateten Familie der Fürsten zu Stolberg-Wernigerode gegründete Stiftung um den Erhalt des Jahrzehnte lang vernachlässigten Benediktiner-Klosteranlage, zu der auch eine Klosterkirche gehört. Zu DDR-Zeiten hat sich niemand so recht um Kloster und Klosterkirche gekümmert. Die örtliche evangelische Kirchengemeinde hatte in der 200 Meter vom Kloster entfernten Marienkirche ihre Heimat, die Klosterkirche und mit ihr die einst dort installierte Orgel wurde dem Verfall preisgegeben. Zeitzeugen berichten, dass nicht wenige der einstigen Orgelbauteile aus der Kirche gestohlen und als metallische Rohstoffe verkauft wurden. Mit dem Fall der Mauer endete dieser Raubzug, doch zu retten war nichts mehr. Seitdem bemühen sich die neuen politischen Verantwortlichen darum, das Klosterensemble zu erhalten und wieder mit neuem Leben zu erfüllen. Mit Erfolg, die Besucherzahlen bewegen sich inzwischen wieder im fünfstelligen Bereich und vor allem als Filmkulisse ist das Ensemble in Ilsenburg gefragt. Für zahlreiche Märchenfilme war das Kloster ebenso Kulisse wie für Szenen in Sönke Wortmanns Spielfilm „Die Päpstin“. Seit Oktober 2018 nun war die Ilsenburger Klosterkirche nur bedingt zu besichtigen. Die Orgelbauer hatten einen Raumteiler gezogen, denn sie begannen drei Jahre nach der Ankunft der mehrere tausend Stücke umfassenden Einzelteile mit dem Wiederaufbau des einstigen Mainzer Instruments. Die Teile hatten drei Jahre lang gut geschützt auf dem Klostergelände gelagert. Seit wenigen Wochen werden sie zusammengefügt – eine Arbeit, die in zwei Abschnitten erfolgen wird. Teil eins endet am 27. Dezember mit einem ersten öffentlichen Konzert. Die Kantorin der örtlichen Kirchengemeinde musiziert auf dem Instrument, auf dem aktuell aber nur das Schwellwerk nutzbar ist.
Warum zwischen Kauf, Montage und dem ersten Konzert drei Jahre vergingen, hängt mit den enormen Kosten einer solchen Aktion zusammen. „Der Kauf erfolgte damals nicht planmäßig, sondern aus der Aktualität der Ausgrabungen in Mainz heraus“, sagt Rainer Schulze, der Vorsitzende des Stiftungs-Kuratoriums. Das für den Kauf benötigte Geld wurde vor allem durch eine Einzelspende ermöglicht, die für den Auf- und Abbau benötigten 160 000 Euro allerdings waren nicht so schnell zu beschaffen. Zahlreiche Spendenaktionen wurden gestartet, doch die stolze Summe wurde nicht annähernd erreicht. Im Sommer 2018 allerdings wurden die Probleme durch einen Fördergeldbescheid der sachsen-anhaltischen Landesregierung gelöst. Kultus-Staatsskretär Gunnar Schellenberger (CDU) überbrachte einen Scheck über 128 000 Euro, der 80 Prozent der Kosten decken sollte. Der Wiederaufbau der Orgel konnte beginnen.
Zum Jahresende werden der Orgel – die übrigens nach dem Wiederaufbau anders als in Mainz aussehen wird – die ersten Töne entlockt. Nach der Winterpause für die Monteure – die Klosterkirche ist nicht beheizbar – wird im Frühjahr Phase zwei des Aufbaus beginnen. Im Mai, so die aktuellen Pläne, soll dann das gesamte Instrument erklingen. Und dann sollen auch Vertreter der Mainzer Johannisgemeinde in den Harz eingeladen werden.
Von Jörg Niemann