Neue Wege bei Krebstherapie: Biontech zieht es an die Börse

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Das Mainzer Unternehmen Biontech. Foto: Harald Kaster

Insidern zufolge hat der Immuntherapie-Pionier Biontech aus Mainz Banken beauftragt, den Gang an die Börse in den USA vorzubereiten. Es wäre mit 800 Millionen Dollar der...

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MAINZ. Als Ugur Sahin 2011 seine Vision einer individualisierten Krebstherapie zum ersten Mal auf einem Pharmakongress präsentierte, schlug ihm Skepsis entgegen. Weder machbar, noch bezahlbar, schon gar nicht in großem Maßstab, lauteten häufig die Reaktionen. Der Medizinprofessor und Chef des Mainzer Unternehmens Biontech will mit seinem Team nicht weniger als die Krebstherapie revolutionieren. Mit auf jeden einzelnen Patienten zugeschnittenen Behandlungskonzepten – man könnte auch sagen Tumorimpfstoffen –, die das körpereigene Immunsystem dazu anleiten, Krebszellen zu erkennen und selbst zu zerstören. Auch anderen schweren Krankheiten will Biontech mit solchen individualisierten Therapien künftig besser behandelbar machen.

Die Pharmabranche sieht die Forschungen von Sahin und dessen Team zwischenzeitlich weit weniger skeptisch: Die mittlerweile mehr als 1000 Mitarbeiter starke Biontech hat seit der Gründung 2008 knapp eine Milliarde Euro an Fremdkapital eingesammelt. Sanofi, Pfizer, Eli Lilly, Genentech (das zur Roche-Gruppe gehört) oder Bayer – Großkonzerne geben sich die Klinke in die Hand.

Doch das ist wohl erst der Anfang. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters hat Europas größtes (noch) nicht am Aktienmarkt notierte Biotech-Unternehmen die US-Banken Bank of America und JP Morgan beauftragt, einen Börsengang vorzubereiten. Und zwar an der US-Technologiebörse Nasdaq in New York.

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Börsengang möglicherweise bis Anfang 2020

Die Agentur beruft sich dabei auf nicht näher genannte Insider. Demnach könnte der Schritt an den Aktienmarkt bis zu 800 Millionen Dollar schwer werden und im Verlauf des vierten Quartals dieses Jahres oder Anfang 2020 stattfinden. Das wäre dann der weltweit bislang größte Börsengang eines Unternehmens der Biotechnologie.

Biontech werde dabei möglicherweise mit rund vier Milliarden Dollar bewertet, allerdings könnten sich sowohl die genaue Höhe der Bewertung als auch das Zeitfenster noch ändern, heißt es weiter. Biontech äußerte sich auf Anfrage zurückhaltend. Im Unternehmen habe man sich darauf geeinigt, Gerüchte nicht zu kommentieren. Man werde „vor dem Hintergrund des Finanzierungsbedarfs und des Marktumfeldes verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten prüfen, einschließlich eines möglichen Börsengangs“, erklärte ein Biontech-Sprecher.

Dass die Mainzer mit der Börse liebäugeln, ist schon länger bekannt. Denn Biontech geht bei der Forschung völlig neue Wege – und das erfordert hohe Investitionen. Warum will das Unternehmen offenbar in den USA aufs Börsenparkett und zum Beispiel nicht in Frankfurt? Biontech selbst macht dazu keine Angaben. Insider verweisen auf die herausragende Bedeutung des amerikanischen Biotech-Marktes. Von den, gemessen an der Marktkapitalisierung, zehn größten Biotech-Unternehmen haben sieben ihren Sitz in den USA. Entsprechend gibt es dort auch wichtige Investoren. Die darüber hinaus als risikofreudiger gelten als beispielsweise in Deutschland.

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Biontech gilt in der Immuntherapie als mit führend, hat aber noch keinen Wirkstoff auf den Markt gebracht. Doch das Unternehmen sieht sich hier auf einem guten Weg und ist bei klinischen Studien – also der Untersuchung von Wirkstoffen bei Menschen – schon gut vorangekommen. Sahin, der kürzlich für seine „bahnbrechenden Arbeiten zu individualisierten Krebsimmuntherapien“ mit dem Deutschen Krebspreis ausgezeichnet wurde, hat ein klares Ziel vor Augen: 2021 oder 2022 sollen die ersten Produkte des Mainzer Pioniers auf den Markt kommen.