Neue Stolpersteine in Mainz: Gunter Demnig erinnert an 15...

Aktion wider das Vergessen: Der Künstler Gunter Demnig verlegt in der Leibnizstraße 24 vier neue Stolpersteine.   Fotos: hbz/Michael Bahr  Foto:

Sie waren Mainzer und lebten mit Mainzern Tür an Tür. Jüdische Mitbürger, die der Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes nicht entrinnen konnten. Das Ziel, die Erinnerung...

Anzeige

MAINZ. Sie waren Mainzer und lebten mit Mainzern Tür an Tür. Jüdische Mitbürger, die der Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes nicht entrinnen konnten. Das Ziel, die Erinnerung an sie und das Grauen wachzuhalten, der Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu gedenken, ist Sinn des 2003 vom Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufenen Aktion „Stolpersteine“.

Aktion wider das Vergessen: Der Künstler Gunter Demnig verlegt in der Leibnizstraße 24 vier neue Stolpersteine.   Fotos: hbz/Michael Bahr  Foto:

Inzwischen liegen nahezu 61 000 Steine in 1100 Orten in Europa. Steine, die mit einer Messingplatte versehen sind, auf die Namen und Lebensdaten eingraviert sind. Verlegt werden sie jeweils vor dem letzten frei gewählten Wohnsitzen der Opfer.

Nicht ohne Grund wurde der 8. November für die Verlegung der Stolpersteine gewählt, ging doch die Nacht des 9. Novembers 1938 als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher ein. Gewalttätige Ausschreitungen und die Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens folgten.

Anzeige

Schülerinnen sorgen für musikalische Umrahmung

Während Gunter Demnig mit seinem roten Transporter die sieben Stationen anfährt, an denen er Stolpersteine für insgesamt 15 NS-Opfer verlegt, macht sich Renate Knigge-Tesche von der Stolperstein-AG des Vereins für Sozialgeschichte auf den Weg quer durch die Stadt, um für jedes Opfer eine rote Rose niederzulegen. Schülerinnen des Frauenlob- und des Rabanus-Maurus-Gymnasiums steuern bewegende musikalische Umrahmungen bei. Verwandte der Opfer kommen zu Wort, Kulturdezernentin Marianne Grosse erinnert an die ermordeten Mitbürger und MCC-Präsident Horst Seitz ist bewegt von der Erinnerung an Theodor Alfred Fridberg, den MCC-Aktiven, dessen Vater zu den Gründern des Clubs gehörte. Zusammen mit seiner Frau Johanna starb Fridberg 1942 im Ghetto Piaski bei Lublin. 1935 war das Ehepaar in die Erthalstraße 10 gezogen. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde die Wohnung demoliert, geplündert und die Familie von Nachbarn bedroht.

Mit dem Ehepaar Max und Recha Weiss und ihren Töchtern Ilse und Lotte wurde im Hause Leibnitzstraße 24 eine ganze Familie ausgelöscht: Während die Eheleute Weiss und ihre ältere Tochter Ilse nach Treblinka deportiert wurden, wurde Lotte Weiss nach ihrer Zwangsarbeit in Berlin 1943 in Auschwitz-Birkenau in der Gaskammer umgebracht.

Ihre geplante Auswanderung misslang. Am 24. Juli 1942 verschleppten die Nazi-Schergen die Brüder Dr. Karl Moritz und Siegfried Ladenburg in das KZ Buchenwald. Dort kamen beide ums Leben: Siegfried Ladenburg wurde am 14. August 1942 angeblich „auf der Flucht erschossen“, Karl Ladenburg am 12. Oktober 1942 starb angeblich an „Grippe“.

Anzeige

Am 27. September 1942 wurden Adolf Otto und seine Frau Johanna Herz, deren letzte frei gewählte Wohnung Am Stiftswingert 19 war, in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Die Deportationsliste ist zynischerweise mit „Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt“ überschrieben. Adolf Otto Herz ging an den elenden Bedingungen und dem Hunger dort am 28. November 1942 im Alter von 72 Jahren zugrunde, seine Frau mit 63 Jahren am 2. Januar 1943.

Im Haus Bahnhofstraße 5 lebten Eduard, Emma und ihr Sohn Kurt Paul Epstein. Im Mai 1940 wurde Kurt Epstein zusammen mit seiner Frau Ilona in den Niederlanden verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er am 21. August 1942 ermordet. Eduard und Emma Epstein wurden am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Eduard Epstein verhungerte wenige Monate später. Emma Epstein überlebte das Lager und wurde mit einem Transport des Internationalen Roten Kreuzes in die Schweiz gebracht. Hier starb sie im Februar 1956.

Die vermutlich erste Mainzer Kinderärztin, Dr. Berta Erlanger (Große Bleiche 12) litt so ehr unter Repressalien und drohendem Berufsverbot, dass sie nicht mehr weiterleben wollte. Sie starb am 9. Juli 1933 im Mainzer Städtischen Krankenhaus an den Folgen eines Selbstmordversuchs.

Vor dem Haus Uferstraße 57, wo bereits ein Stolperstein an den 1944 in Theresienstadt ermordeten Fritz Löwensberg erinnerte, wird seit gestern nun auch des Justizrats Dr. Siegmund Levi gedacht. Dr. Tillmann Kracht skizzierte den Leidensweg seines ermordeten Berufskollegen Levi, der im Februar 1943 im Alter von 78 Jahren Opfer der Vernichtung wurde.