Ein Abenteuer aus Stahl

Bei der Restaurierung  wurden die schwarzen  MAN-Stahlelemente freigelegt, und ihr Zustand war gut.Foto: Thomas Gleim  Foto: Thomas Gleim

Ein Haus zu bauen, bietet schon genug Spannung, aber ein altes Haus zu restaurieren, kann schon ein rechtes Abenteuer werden. Anstrengend, voller Überraschungen, hin und...

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OBERSTADT. Ein Haus zu bauen, bietet schon genug Spannung, aber ein altes Haus zu restaurieren, kann schon ein rechtes Abenteuer werden. Anstrengend, voller Überraschungen, hin und wieder teurer als geplant – aber wenn die Rettungstat gelingt, ist es ein Erfolgserlebnis. Wie beim MAN-Stahlhaus von Thomas Gleim an der Goldgrube in der Oberstadt. Ein ganz besonderes Haus, das eine Geschichte aus der frühen Nachkriegszeit erzählt.

Bei der Restaurierung  wurden die schwarzen  MAN-Stahlelemente freigelegt, und ihr Zustand war gut.Foto: Thomas Gleim  Foto: Thomas Gleim
Das MAN-Stahlhaus Goldgrube 43 in den späten 50ern. Ob sich die damaligen Hausbesitzer die Inspiration in dem Werbepavillon, der um 1949 vorm noch zerstörten Stadttheater steht, geholt haben? Der ist übrigens genauso gefertigt wie die Wohnhäuser.Fotos: MAN/Sammlung Thomas Geim   Foto:
Der damalige MAN-Katalog für die Stahlhäuser zeigt Bad... Foto: MAN/Sammlung Thomas Geim  Foto: MAN/Sammlung Thomas Geim
... und Küche, die man als Einbauelemente kaufen kann, ... Foto: MAN/Sammlung Thomas Geim  Foto: MAN/Sammlung Thomas Geim

Als Thomas Gleim und seine Ehefrau Slavenka Pajalic ein geeignetes Objekt in der Oberstadt für ihre Werbeagentur connections suchen und auf das Haus An der Goldgrube 43 stoßen, steht neben der Restaurierung zunächst auch der Abriss zur Diskussion. „Das Nachbarhaus Nr. 41 war auch ein MAN-Haus, das steht heute nicht mehr“, sagt der Agenturleiter, doch die beiden finden rasch Gefallen an dem Haus mit der eigentümlich gewellten Metallfassade. „Auch weil die Geschichte so interessant ist.“

Sie führt zurück in die ersten Jahre nach dem Krieg, als MAN, die Maschinenfabrik München-Augsburg-Nürnberg, nach neuen Märkten sucht. Bei der allgemeinen Wohnungsnot durch die Kriegszerstörungen verfällt man auf den Bau von Fertighäusern, und zwar aus dem MAN am besten vertrauten Material – Stahl.

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Schon 1948 beginnt im Werk Gustavsburg, das bis Kriegsende U-Boot- und Panzerteile, aber auch Abschussrampen für V-Waffen gebaut hat, die Produktion der Wohnhäuser. Die ersten Häuser werden in einer Musterhaus-Siedlung in Gustavsburg errichtet, die noch existiert.

„Wir hatten erst nur irgendein Haus gesucht“, sagt Thomas Gleim, „aber es war rasch klar, dass das Stahlhaus etwas besonders ist.“ Er lässt sich darauf ein, und auf die Arbeit. Ein Jahr Planung, dann sieben Monate Bauzeit. Als Erstes werden die Asbestziegeln aus den 50er Jahren entfernt und – aus statischen Gründen – durch ein Aluminiumdach ersetzt. Und auch die neue Wärmedämmung, die zuvor praktisch kaum vorhanden ist, kostet viel Zeit, wobei Gleim sich bei den Bewohnern der denkmalgeschützten Musterhaussiedlung in Gustavsburg Tipps holt.

„Dort, wo es wehtut, das, was Zeit kostet, das haben wir alles selbst gemacht“, sagt der Stahlhausbesitzer, allein der Abrissschutt aus dem Inneren füllt zwölf Container. Doch trotz viel Eigenarbeit: „Fürs gleiche Geld hätte man auch neu bauen können.“

Das Konstruktionsprinzip ist einfach. Im Werk werden die Wandelemente aus einem Millimeter starken Stahlblech gefertigt, vor Ort auf ein gemauertes Fundament gesetzt und mit einem Stahlrahmen verschraubt. Es gibt verschiedene Haustypen mit verschiedenen Grundflächen. Da aber nur die Außenwände tragend sind, kann der Innenraum individuell gestaltet werden. Nur eine Funktionswand ist vorgefertigt – die zwischen Bad und Küche, in der alle Wasserleitungen verlaufen. Küche und Bad können als Fertigensemble gekauft werden, was den Basispreis von 18 000 Mark rasch auf 30 000 hochtreiben kann. Teuer für damalige Verhältnisse.

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Von 230 MAN-Häusern existieren nur noch 40

Auch das Haus Goldgrube 43 hat eine solche originale Einbauküche – doch die lässt Gleim entfernen. „Das würde ich heute nicht mehr tun“, sagt er, aber die wachsende Beschäftigung mit dem Haus-Typ, mit der Baugeschichte weckt bei ihm „ein Bewusstsein für das Haus“. Als er von einem Stahlhaus-Nachbarn einen MAN-Prospekt von einst erhält, beginnt die intensive Beschäftigung mit dem Haustyp, der sich damals am Markt nicht durchsetzen kann. Schon 1953, nach nur fünf Jahren, endet die Produktion in Gustavsburg.

„Von den damals 230 gebauten Häusern existieren heute in Deutschland gerade noch rund 40“, weiß Thomas Gleim. In Gustavsburg gibt es das geschützte Ensemble aus zehn unterschiedlichen Häusern von 1948, die Bestandteil der Route der Industriekultur Rhein-Main Mainspitze sind, und dann stehen von den einst vier Stahlhäusern an der Goldgrube nur noch zwei weitere in direkter Nachbarschaft.

Thomas Gleim hat es nicht bereut, sich auf das Haus eingelassen zu haben. Ganz im Gegenteil, weshalb er auf der Homepage der Agentur umfangreich bebildert die Geschichte des Stahlhaus-Abenteuers erzählt.