Bockius-Brüder sind in der Fastnacht die Meenzer „Blues Brothers“

Andreas (li.) und Matthias Bockius haben die Narretei quasi im Blut. Sie etablieren die „junge Fastnacht“ in Mainz. Foto: hbz/Stefan Sämmer  Foto: hbz/Stefan Sämmer

Die Muse lässt sich nicht zwingen. Wen, wo und wann sie küsst, entscheidet sie allein. Da quält sich ein argloser Fastnachter etwa im Sommerurlaub an der Cote d’ Azur...

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MAINZ. Die Muse lässt sich nicht zwingen. Wen, wo und wann sie küsst, entscheidet sie allein. Da quält sich ein argloser Fastnachter etwa im Sommerurlaub an der Cote d’ Azur keuchend über einen Hügel, um plötzlich vom Rad zu springen und am Straßenrand etwas auf ein Stück Papier zu kritzeln, aus dem der Hit „Das heißt Meenzer“ entsteht. Ein anderer steht unter der Dusche, als sein Geist plötzlich die Linie einer Komposition findet, die ihm seit Tagen durch den Kopf spukt, sich aber nie zu einem großen Ganzen fügen wollte und nun schlagartig zu Gassenhauer-Qualität findet. Zugleich ein politisches Statement mit hohem Identifikationsgrad für Mainzer, also alle: „Katrin, bau uns e Baustell …“ Da rockt sogar die gleichnamige Dezernentin mit.

Da es sich bei den beiden von der Muse Geküssten um Brüder handelt, entstammen sie wohl einer Familie, die ein bestimmtes Gen vererbt. In der Tat: Auch der Vater von Andreas und Matthias Bockius war Fastnachter, verabreichte dem Nachwuchs schon in frühester Jugend mithilfe ausgeleierter VHS-Kassetten die Narretei in hoher Konzentration. Der fastnachtsfreitägliche Konsum von „Mainz bleibt Mainz“ war Pflichtprogramm.

Andreas Bockius ist heute 32 Jahre alt, sein Vollbart sprießt nunmehr im ZZ-Top-Format, im profanen Leben ist er Hörfunk-Moderator. Sein fünf Jahre älterer Bruder Matthias, optisch weniger extravagant, dient als Dienstgruppenleiter der Ingelheimer Polizei.

Seit zwei Jahren erfrischen die beiden als „Doppelbock“ die Mainzer Fastnachtsszene. Äußerlich an die „Blues Brothers“ angelehnt, ist ihr wichtigster Inspirationsquell jedoch eher „der Humor von Bud Spencer und Louis de Funès geprägt“.

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Auf der Bühne debütierten sie im Ingelheimer Stadtteil Frei-Weinheim: Matthias imitierte schon als Zwölfjähriger Westernhagen, Andreas zuckte mit Elf in einer Boygroup im Stil der Backstreet Boys. Die Kontakte nach Mainz knüpften die einschlägig bekannten Narren Martin Heininger und Christian Schier, die in Frei-Weinheim auftraten, wo Andreas Bockius auch den Sitzungspräsidenten gibt. Matthias musizierte zudem, anfangs noch zaghaft, beim „Herbstmanöver“ der Mainzer Prinzengarde. In der Nobelkorporation und dem „Gonsenheimer Carneval-Verein“ (GCV), wo Schier einer der Programmchefs ist, sind „Doppelbock“ nun auch heimisch geworden.

Ist es Zufall, dass diese beiden Vereine jüngst zwei Veranstaltungen in Mainz etablierten, die den organisierten Frohsinn vor allem jungen Menschen näherbringt? Die Bockius-Brüder fühlen sich auf der GCV-Stehung, einem närrischen Musikfestival, und der „Fastnight“, der Prinzengarden-Turbositzung, pudelwohl. „Der ideale Einstieg für junge Leute, die Mainzer Fastnacht bislang für etwas Spießiges hielten“, erklärt Andreas Bockius. „So erleben sie, dass Narretei auch eine coole Party sein kann und gehen später vielleicht mal auf eine Traditionssitzung“, ergänzt Matthias. „Gerade in einer Studentenstadt sind solche Angebote wichtig.“

Fernsehsitzung? „Wär’ natürlich ein Traum“, geben die Brüder zu. Aber verbiegen werden sie sich dafür nicht. Von lokalen Themen ablassen, damit sie von TV-Redakteuren als überregional tauglich empfunden werden, kommt für sie nicht in Frage: „Wir lieben es, wenn unser Publikum schon bei der Refrainzeile kapiert, wer mit der Baustellen-Katrin gemeint ist.“

Die Brüder bilden auch einen Teil „RotRockRapper“, eine Art Allstar-Combo aus musikalisch Aktiven der „Fastnight“. Ihr Videoclip „Ich hab Uniform“ bescherte der Prinzengarde im Internet irre Klickzahlen. „Wir haben noch jede Menge starke Rapsongs aus den Neunzigern im Kopf, die sich prima covern lassen“, kündigen die beiden an.

Die Muse wird sie also weiterküssen. Wo auch immer. Und wann immer.