Ärger über Gutachter: Vereinschef der Mainzer Al Nur-Kita...

Die muslimische Al Nur-Kindertagesstätte in Mainz. Foto: Sascha Kopp

Ein Gutachten, das die Zuverlässigkeit der muslimischen Betreiber thematisiert, hat Unruhe in den Mainzer Arab Nil-Rhein-Verein und dessen Al Nur-Kita gebracht. Vereinschef EL...

Anzeige

MAINZ. Seinen Urlaub kann Samy El Hagrasy in diesem Jahr nicht wirklich genießen. Auch fern der Heimat erreicht ihn die Unruhe, die seit ein paar Tagen rund um den Arab Nil-Rhein-Verein und dessen Al Nur-Kita entstanden ist. Eltern riefen ihn an, erzählt der Vereinsvorsitzende, machten sich Sorgen. Der Ruf sei in Gefahr – aber für den „werden wir kämpfen“, sagt El Hagrasy. Vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium fühlt sich El Hagrasy „unfair“ behandelt. Das Verhalten sei „unverantwortlich“.

Anlass für El Hagrasys Wut sind das „Ergänzende Religionswissenschaftliche Gutachten“, das kürzlich vom Wissenschaftsministerium vorgestellt wurde – und die Reaktion des Bildungsministeriums. Aber von vorn: Das Gutachten sollte untersuchen, ob die Ergebnisse eines vorangegangenen Gutachtens über die Islamischen Verbände in Rheinland-Pfalz nach den politischen Ereignissen in der Türkei im Nachgang des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 neu bewertet werden müssen. In diesem neuen Gutachten wird auch der Arab Nil-Rhein Verein erwähnt, der Mitglied des Schura-Verbands ist, der wiederum aus 18 muslimischen Gemeinden verschiedener Nationalitäten und Konfessionen besteht.

Anzeige

Zuverlässigkeit soll untersucht werden

Zwei Auftritte von Predigern aus dem salafistischen Umfeld, beziehungsweise dem der Muslimbruderschaft aus den Jahren 2012 und 2016 gäben Anlass zu dem Verdacht, dass es bei dem Verein extremistische Bestrebungen geben könnte, heißt es dort. Außerdem fänden sich auf Facebook-Seiten der Gemeinde Hinweise auf Verbindungen zum Umfeld der Muslimbrüder. Allerdings hält der Gutachter ebenfalls fest, dass die Hinweise „eher vereinzelt zu beobachten“ seien und nicht belegten, dass der Verein grundlegend salafistisch oder auf die Muslimbruderschaft ausgerichtet sei.

Wegen dieser Erwähnung des Vereins in dem Gutachten kündigte das Bildungsministerium sogleich an, das Landesjugendamt überprüfen zu lassen, ob der Arab Nil-Rhein Verein „die erforderliche Zuverlässigkeit für die Erlaubnis zum Betrieb einer Kindertagesstätte auch weiterhin mitbringe“. Neuere Hinweise gebe es allerdings nicht. Weitere Schritte würden sich aus der Überprüfung ergeben. Und damit war die Unruhe groß.

Bildungsministerium kann Kritik nicht nachvollziehen

El Hagrasy sieht seinen Verein so in ein falsches Licht gerückt. „Wir lassen uns nicht in die extremistische Ecke stellen.“ Das Vorgehen des Bildungsministeriums sei insbesondere in der aktuellen aufgeheizten politischen Lage „gefährlich“. Der Arab Nil-Rhein Verein sei überhaupt nicht der eigentliche Gegenstand des Gutachtens gewesen. „Wenn der Gutachter über uns schreibt, hätte er vorher mit uns sprechen müssen“, ärgert sich der Vereinsvorsitzende. Dies sei nicht geschehen.

Anzeige

Tatsächlich listet das Gutachten im Kapitel über die Schura und ihre 18 Mitgliedsgemeinden als Quellen lediglich zwei Gespräche mit den Schura-Vorsitzenden sowie Zeitungsartikel und Pressemeldungen aus den Jahren 2016 bis 2018 sowie die Verfassungsschutzberichte des Landes Rheinland-Pfalz auf. Auf dieser Basis hätte das Gutachten den Verein nicht derart „schlecht machen“ dürfen, sagt El Hagrasy. Durch die angekündigte Überprüfung sei jetzt nur noch der Arab Nil-Rhein Verein das Thema und nicht mehr der eigentliche Gegenstand des Gutachtens.

"Es darf keinen Generalverdacht geben"

Bei ihren erwähnten Besuchen hätten die beiden bekannten Prediger aus Saudi-Arabien und aus Ägypten keinerlei Hetze betrieben, sondern die Zuhörer viel mehr ermahnt, dass sie Aushängeschilder des Islam in Deutschland seien und sich einwandfrei verhalten sollten, sagt El Hagrasy. Da sie problemlos Visa in Deutschland bekommen und nichts Falsches gesagt hätten, habe er ihre Besuche als unproblematisch gesehen. Im Internet finden sich allerdings laut Verfassungsschutz zahlreiche Videos, in denen einer der Prediger, Muhammed al-Arifi, der Ende 2012 einen Vortrag hielt, gegen Homosexuelle und Juden hetzt, sowie eine streng-salafistische Behandlung von Frauen propagiert. In die Schweiz durfte er 2012 nicht einreisen.

„Wenn uns die Behörden Namen geben von Leuten, die sie für gefährlich halten, und sie Beweise haben, dann würden wir sie auch nicht einladen“, betont El Hagrasy dagegen. Doch Extremisten würden ohnehin nicht zu ihnen kommen, da bekannt sei, dass der Verein für einen gemäßigten Islam stehe. Hetze und Radikalisierung fänden heutzutage ohnehin vor allem im Internet statt.

Im Bildungsministerium betont man derweil, „keine Verdächtigung ausgesprochen“ zu haben. Auf die Nennung des Vereins in dem Rechtsgutachten habe man reagieren müssen, teilt Sprecher Henning Henn mit. Es sei deshalb „wichtig zu informieren, zu prüfen und für Klarheit zu sorgen, um Gerüchte gar nicht erst aufkommen zu lassen“. Einen „Generalverdacht“ dürfe es keinesfalls geben. Dass die Untersuchung „unfair“ sei, könne man nicht nachvollziehen.