Sieben Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer verlegt

Schüler des Gonsenheimer Otto-Schott-Gymnasiums dokumentieren die Stolperstein-Verlegung mit Handy-Fotos. Foto: hbz/Wallerius

Namen sind Erinnerung: Gerade hat Gunter Demnig den 70.000. Stolperstein in Frankfurt verlegt. Nun bekommt auch der Mainzer Stadtteil Gonsenheim zwei weitere.

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GONSENHEIM. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ So steht es im Talmud, einem bedeutenden Schriftwerk des Judentums. Tausende Namen von Opfern des Nationalsozialismus sind auf den europaweit bekannten „Stolpersteinen“ des Künstlers Gunter Demnig in Messing geprägt. Meißeln die Erinnerung auf Straßen von Deutschland bis nach Lettland in Stein. Am Donnerstag sind die ersten sieben Stolpersteine in Gonsenheim in der Jahnstraße 21 und 36 und der Friedrichsstraße 14 verlegt worden. Begleitet von einer Auftaktveranstaltung am Mittwoch im Otto-Schott-Gymnasium (OSG), dessen Schüler gemeinsam mit dem „Institut für Geschichtliche Landeskunde“ (IGL) der Universität mitwirkten.

Den 70 000. Stolperstein hat Demnig am Dienstag in Frankfurt am Main verlegt. „Die Initiative ergreifen jeweils die Städte und Kommunen“, sagt er. Wie auch in Gonsenheim. Zehn mal zehn mal zehn Zentimeter sind die Maße eines der Betonsteine mit verankerter Messingplatte, den Demnig in das Loch vor der Jahnstraße 36 in Gonsenheim klopft. Die Fugen schließt er mit Zementmörtel. Zwei Schüler legen Rosen neben dem Stein nieder. In von Hand eingearbeiteten Lettern steht dort „Henriette Sichel“ geschrieben. „Um mich von der Fabrikmaschinerie des NS zu distanzieren, fertige ich alle Steine in Handarbeit“, erklärt Demnig. Die zunächst sieben Steine werden dort verlegt, wo der letzte selbstgewählte Wohnsitz der NS-Opfer war.

1875 kommt Henriette Sichel als eines von zwölf Kindern in einer jüdischen Familie in Mainz zur Welt. Ab den 30er Jahren wohnt sie mit einer engen Freundin in der Jahnstraße. 1938 zwingt das Dritte Reich sie, das Familienerbe abzugeben. 1939 siedelt man sie in eines der Gonsenheimer „Judenhäuser“ um. Ihre Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt folgt im Jahr 1942, als sie schon 67 Jahre alt ist. Sichel gehört zu den wenigen Mainzern, die das dortige „Altersghetto“ überleben und gilt als einzige Überlebende der Gonsenheimer Deportierten. Vollkommen verarmt kämpft sie nach dem Krieg mit dem deutschen Staat um die Rückgabe des Familienvermögens und obsiegt letztlich. 1961 stirbt sie in Gonsenheim.

In sorgfältiger Quellenarbeit hat die 12. Klasse des OSG Sichels und andere Biographien erarbeitet, um Namen und Zahlen lebendig zu machen. Ihre Arbeit ist eingebettet in die Ausstellung „Gonsenheimer Erinnerungen. Jüdische Nachbarinnen und Nachbarn zwischen Integration und Ausgrenzung“ des IGL, durch welche die 8. Klasse die Besucher der Auftaktveranstaltung führt. Eine szenische Lesung der 10. Klasse erinnert an die Geschichte der Judenverfolgung in Gonsenheim.

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Die „immense Bedeutung“ des Stolperstein-Projekts betont Dr. Peter Waldmann, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mainz. „Durch die Steine wird der Wahrnehmungsautomatismus der Menschen gebrochen. Dass es einmal ein jüdisches Leben in Mainz gab, das wie überall in Deutschland mit besonderen geistigen Leistungen einherging, rückt dadurch ins Bewusstsein.“ Ein Problem sei, dass bald nur noch das historische Gedächtnis – ein kaltes und unemotionales – bleibe. Auch OSG-Schulleiter Dr. Frank Fritzinger stimmt das Projekt hoffnungsvoll. „In Schulen besitzt die Frage, ob so etwas wieder passieren könnte, Dringlichkeit. Mit der Gedenkarbeit treten wir denjenigen selbstbewusst entgegen, die Hass streuen.“ Dass die Stadt bei der Erinnerung an den Holocaust keinen Schlussstrich ziehen werde, macht Kulturdezernentin Marianne Grosse deutlich, „Mainz bleibt wachsam.“

Es gibt Kritiker der Stolpersteine, in deren Augen man auf der Erinnerung „herumtrampele“. Demnig jedoch hat das Material Messing bewusst gewählt, „da es blank poliert wird, indem Menschen darüber laufen. So bleiben die Namen sichtbar.“