Viel Redebedarf

Dunkle Wolken über der GWG: Blick auf die Genossenschaftsimmobilie am Jakob-Steffan-Platz.Archivfoto: hbz/Michael Bahr  Foto:

Aus dem Routinetermin ist eine hochexplosive Veranstaltung geworden. Wenn sich die Mitglieder der Oppenheimer Wohnungsbaugenossenschaft GWG am Dienstag (18 Uhr) im Altenzentrum...

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OPPENHEIM. Aus dem Routinetermin ist eine hochexplosive Veranstaltung geworden. Wenn sich die Mitglieder der Oppenheimer Wohnungsbaugenossenschaft GWG am Dienstag (18 Uhr) im Altenzentrum zu ihrer turnusgemäßen Versammlung treffen, dürfte es hoch hergehen. Zu viel ist passiert. Der unrühmliche Abgang des Vorstandsvorsitzenden Marcus Held, der neue Vorstand, die Sorgen vieler Mitglieder, der teure Gradinger-Abriss könnte der Tochterfirma HGO GmbH und damit auch der GWG zur Last fallen – es gibt viel zu bereden.

Vordergründig geht es „nur“ um die Bilanz 2017, die Entlastung von Aufsichtsrat und Vorstand und die Wahl von drei Aufsichtsräten. Doch viele Mitglieder hat in den vergangenen Wochen Argwohn erfasst. Sie beklagen fehlende Transparenz und befürchten massive Folgeschäden aus der Affäre um den Ex-Stadtbürgermeister Held. Deshalb haben Norbert Schultze, Jürgen Schiffel, Martin Frank und Hans Klügel – unterstützt von weiteren Mitgliedern – einen Brief an 400 Mitglieder verteilt. Die Mitgliederliste hatten sie von der GWG erst nach langem Nachbohren bekommen. „Natürlich muss man den Eindruck bekommen, dass da etwas vertuscht wird“, beschriebt Schiffel den unguten Gesamteindruck der Gruppe.

Drei Sitze sind vakant: Neuwahlen stehen an

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„Die GWG war über Jahrzehnte ein Erbhof der SPD“, erklärt er weiter. „Unser Ziel ist es, in den Aufsichtsrat unbelastete Leute zu wählen, die im Sinne der Mitglieder handeln.“ Genau diesen Eindruck hat die Gruppe vom aktuellen Vorstand nicht: Nur Gerald Kümmerle kommt bei ihnen ohne Skepsis weg. Marco Meidinger (SPD) gilt ihnen als Strohmann Helds, die kurzfristige Berufung des noch amtierenden Stadtbürgermeisters Helmut Krethe (parteilos) finden sie äußerst unglücklich. „Diese Bestellung ist ein Problem für die GWG“, sagt Schultze, und Schiffel ärgert sich: „Damit hätte man vielleicht noch ein Jahr warten können.“

Im Aufsichtsrat sitzen derzeit noch der Vorsitzende Klaus Waldschmidt, Andrea Bunk, Rudolf Baumgarten und Andrea Bunk. Drei Sitze sind vakant, mindestens so viele Neuwahlen stehen an. „Angesichts der vielen offenen Fragen kann es eigentlich keine Entlastung von Aufsichtsrat und Vorstand geben“, macht Schultze deutlich, wie wenig Vertrauen er in die handelnden Akteure hat. Die Regressforderungen der HGO gegen ihren Ex-Geschäftsführer Held stehen noch im Raum, die Auswirkungen des Gradinger-Abrisses sind unklar, der Geschäftsbericht 2017 („Verhältnismäßig nichtssagend“) wird erst ab August vom Genossenschaftsverband geprüft. Jede Menge Baustellen also.

„Wir haben selbst keine wirtschaftlichen Interessen“, betont Frank. Für Schiffel, seit über 40 Jahren in der GWG, ist die Zukunft einer eigentlich guten Einrichtung die Antriebsfeder seines Engagements: „Die GWG ist für Oppenheim zu wertvoll, als dass man sie einfach vor die Wand fahren lassen könnte.“

Dass die Mitgliederdatei „suboptimal“ (Schultze) geführt sei, macht das Vertrauen nicht größer. Und wie um ihn zu bestätigen, tauchte im Vorfeld der Versammlung auch der ehemalige Vorsitzende Held wieder auf. Mehrere Mitglieder berichteten der AZ, der offiziell krankgeschriebene Bundestagsabgeordnete habe GWG-Anteilseigner telefonisch kontaktiert mit dem Ziel, sie sollten per Vollmacht ihr Stimmrecht weitergeben, wenn sie nicht selbst ins Altenzentrum kommen. Naturgemäß sollten diese Stimmrechte an treue Gefolgsleute von Held gehen, klagten diese Informanten.

Zumindest in einem Fall bestätigte Helds Anwalt der AZ einen solchen Vorgang indirekt, wenn auch mit anderem Zungenschlag: „Im Rahmen eines Telefongesprächs zwischen Herrn Held und einem ihm privat bekannten Genossen der GWG teilte der Genosse mit, dass er aufgrund der erheblichen Entfernung an der Sitzung nicht teilnehmen könne. Es kam zu der Empfehlung, einen anderen Genossen zu bevollmächtigen. In diesem Zusammenhang erfolgte zur Vereinfachung die Übermittlung eines üblichen Vollmachtsformulars.“

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Wie auch immer – der Vorgang zeigt, dass die „alte“ GWG-Spitze wohl nervös ist. Ein weiteres Indiz ist ein Brief, den Aufsichtsrat und Vorstand am Wochenende allen Mitgliedern schickten. Darin beklagt sich die GWG-Spitze, die Gruppe um Schultze und Schiffel würde ebenso wie die „hiesige Presse“ versuchen, „unsere GWG in ein schlechts Licht zu rücken“. Die „Opposition“ habe, heißt es in dem Schreiben, fälschlicherweise behauptet, durch Fehler der GWG drohten Mieterhöhungen. „Wir versichern Ihnen, dass für die nächsten Jahre keine Mieterhöhungen geplant sind“, schreibt die GWG – außer bei Wechseln oder Sanierungen. Eine glatte Falschaussage, schimpfen Schultze und Schiffel: „Das haben wir nie behauptet.“ Fazit: Am Dienstag gibt es viel Redebedarf.

Von Ulrich Gerecke