Oppenheimer Künstlerin Carmen Stahlschmidt empfindet ihren...

Daheim ist es doch am schönsten: Die Künstlerin Carmen Stahlschmidt in ihrem Atelier in Oppenheim. Foto: hbz/Michael Bahr  Foto: hbz/Michael Bahr

Diese Frau braucht Platz. Viel Platz. Carmen Stahlschmidt arbeitet groß und denkt groß und das war schon immer so. „Als ich vor 27 Jahren nach Oppenheim gezogen bin, habe...

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OPPENHEIM. Diese Frau braucht Platz. Viel Platz. Carmen Stahlschmidt arbeitet groß und denkt groß und das war schon immer so. „Als ich vor 27 Jahren nach Oppenheim gezogen bin, habe ich nach einem großen, hässlichen Haus gesucht, das bezahlbar ist“, lacht die Bildhauerin und Malerin mit gesunder Selbstironie. Sie fand das Wunschobjekt im früheren Weingut Sittmann. „Hier ist meine zweite Heimat, hier bin ich verwurzelt, ich bin wahnsinnig gern zu Hause“.

Doch manchmal ist das Atelier Am Gutleuthaus nicht genug. Dann bricht Stahlschmidt, geboren 1956 in Trier und aufgewachsen in Landau, aus. Sie hat schon zwei Monate in der Katharinenkirche gearbeitet, gerne würde sie mal Wände bemalen, „da bin ich größenwahnsinnig“, lacht sie. Dieser Wunsch nach Raum und Größe hat auch mit Freiheit zu tun, die für Stahlschmidt Inbegriff ihres Künstlerdaseins ist. „Von der Kunst leben wollte ich nie. Dass ich tun kann, was ich will, ist ein unglaublicher Luxus.“

Die Auswahl für Markthäuser fiel ihr „furchtbar schwer“

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Dem Traum von der großen Freiheit ist Stahlschmidt jetzt ein Stück näher gekommen – als eine von sechs Künstlerinnen, die ihre Werke in den leer stehenden Mainzer Markthäusern ausstellt (siehe Kasten). Ihre typischen Fahnen (Seitenlänge über fünf Meter) dominieren den Innenhof, ein leichter Windzug wölbt die Tücher, sie sind von außen ein Blickfang. Zudem hat sie einen Raum der Ausstellung, die auf Initiative von Dr. Gerd Eckhardt vom Mainzer City Management entstand, mit Skulpturen, Grafiken und Radierungen bestückt. „Die großen Bilder und die Skulpturen mussten stimmig sein, damit sich die Werke nicht gegenseitig erschlagen“, berichtet Stahlschmidt. Eine Themenvorgabe habe es nicht gegeben, auch die Werke wählte sie selbst aus. „Das ist mir furchtbar schwer gefallen“, bekennt Stahlschmidt. „Überhaupt habe ich noch nie so viel in eine Ausstellung investiert wie diesmal.“ Große Freiheit ist eben manchmal auch anstrengend.

Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als Stahlschmidt wahrlich kein Grünschnabel in Rheinhessens Kunstszene ist. Nach dem Studium in Mainz arbeitete sie lange in Paris und Grenoble („meine dritte Heimat“), sie gibt Kurse, sie stellt aus, zuletzt im Théodore-Deck-Museum in Colmar. Sie ist dick im „Geschäft“, würde man wohl sagen, wobei sie das nicht gern hört. „Der administrative Teil des Berufs nervt mich“, bekennt sie. Das reicht vom Transport ihrer Werke im selbstgemieteten Wagen über Sponsorensuche bis zur Fertigung eines neuen Katalogs (der letzte stammt von 2010). Dabei würde sie doch lieber nur der Kunst frönen: „Wenn ich nicht künstlerisch tätig bin, werde ich unausstehlich. Erst mit Papier und Stift ist alles gut.“

Ihr Skizzenbuch hat Stahlschmidt immer dabei, ihre Arbeit sei vor „sehr intuitiv“. „Die Ideenfindung ist bei mir immer die längste Phase und sehr anstrengend.“ Da wird viel gekritzelt, überzeichnet, mit Abstand betrachtet und auch wieder verworfen, bevor es an die Detailarbeit geht. Ihre Motive findet Stahlschmidt vor allem in der Natur. „Ich strebe nicht zur totalen Abstraktion“, versichert sie. Menschliche Torsi, Engel, Vögel, Geweihe säumen ihre Werkschauen. Neben großflächigen Malereien und Zeichnungen – vorzugsweise in ihrer Lieblingsfarbe schwarz – sind feine Lithografien ebenso vertreten wie Terrakotta-Skulpturen, die zum Teil auch in Bronze gegossen worden sind. Eine solche „Karriere“ wird auch jene Arbeit nehmen, die Stahlschmidt für die Schau in den Markthäusern geschaffen hat. „Der rote Mainzer“ lächelt dort durchs Schaufenster, eine spielerische Annäherung an Johannes Gutenberg, die auf Anregung von Andreas Preywisch, Kurator beim Essenheimer Kunstverein, entstanden ist.

Viele von Stahlschmidts Werken sind unter dem Einfluss von Musik entstanden. Sie selbst singt im Oppenheimer Kantoreichor, hat zu Anton Bruckners f-Moll-Messe und Arnold Schönberg gearbeitet. „Das ist harte Kost, aber wenn man sich reinvertieft, entstehen neue Räume, erschließen sich ganz neue Dinge.“ Da ist sie wieder – die große Freiheit, auf die Carmen Stahlschmidt nicht verzichten kann und will.

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Von Ulrich Gerecke