Entlang der B9: Die fast vergessene Grillagetorte, eine...

Gerade aus der Kühlung geholt, schmeckt die leicht angetaute Grillagetorte am besten. Dazu ein Kaffee – das Glück ist perfekt.    Foto:

Einst der süße Star auf geselligen Kaffeetafeln und unverzichtbar bei großen Familienfesten, scheint sie völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Aber die Suche nach der...

Anzeige

KREFELD. Einst der süße Star auf geselligen Kaffeetafeln und unverzichtbar bei großen Familienfesten, scheint sie völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Aber die Suche nach der lokalen Leckerei mit dem geheimnisvollen Namen lohnt sich. Denn es gibt sie noch, allen Unkenrufen zum Trotz, in einigen Konditoreien und Cafés am linken Niederrhein: die Grillage- oder Grillaschtorte.

Gerade aus der Kühlung geholt, schmeckt die leicht angetaute Grillagetorte am besten. Dazu ein Kaffee – das Glück ist perfekt.    Foto:
Im Krefelder Café  Heinemann gibt es sie noch, die legendäre Grillagetorte. Dieses Dekorationsstück aus dem Schaufenster präsentiert Verkaufs- leiterin Margit Kleuken, exklusiv für die Reportage der AZ.  Fotos: Dieter Oberhollenzer  Foto:

Bei einem Kurzbesuch in Krefeld, der linksrheinischen Metropole an der B 9, ist es sicherlich kein Geheimtipp, sondern ein Versprechen, dass es nirgendwo bessere Kuchen gibt als im alteingesessenen Café Heinemann am Schwanenmarkt. Die Grillagetorte, als hitzeresistentes Exemplar aus Styropor und Plastik im Schaufenster drapiert, lockt verwöhnte Leckermäuler seit vier Jahrzehnten in die klimatisierten, wenn auch etwas angestaubten Räumlichkeiten. Schnell die Bestellung aufgeben, das Zettelchen mit der Bediennummer mitnehmen – dann lässt der Service nicht lange auf sich warten. Und da ist sie, die gerade aus der Kühlung geholte und leicht angetaute Grillagetorte, mit zwei Gabeln auf dem Tellerchen serviert. Die leichtgefrorene Sahne verläuft im Mund fast von selbst, traumhaft der Kontrast zu den vielen Nüssen und zum Baiser. Fast so gut wie die Selbstgebackene bei Tante Elke, die zwar aus dem Saarland stammt, aber im Rheinland schon lange Wurzeln geschlagen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Anzeige

Die Krefelder lieben die halbgefrorene Torte nach wie vor und halten ihr die Treue. Besonders im Sommer, wenn die Temperaturen immer mal wieder über die 30 Grad klettern, bietet das Café Heinemann einen ganz besonderen Service an. „Wir haben eine extra Kühltasche mit Platz für acht Kuchenstücken kreiert“, weist Verkaufsleiterin Margit Kleuken auf die unschlagbare Transportmöglichkeit hin. Die Frage nach den Kalorien interessiert niemanden bei diesem unvergesslichen kulinarischen Zwischenstopp.

Wer sich als Hobbybäcker selbst einmal an der halbgefrorenen Torte, die auch als Eissplittertorte oder Havannatorte bekannt ist, versuchen möchte, findet im Internet unzählige Rezepte, Tipps und Hinweise rund um die eingefrorene, mit Sahne gefüllte Baisertorte oder auch die mit Buttercreme gefüllte Biskuittorte. Dazu gehört auf jeden Fall Grillage. Der Begriff stammt aus dem Österreichischen und ist eine krokantähnliche Masse aus geschmolzenem Zucker, gehackten Nüssen und Mandeln.

Und wer sich noch weiter in die Rezepturen vertieft, erfährt von den möglichen Ursprüngen der Grillagetorte in Böhmen und in Bayern bereits im 19. Jahrhundert und dem Auftauchen der Köstlichkeit am Niederrhein, also auch in Krefeld, Anfang des 20. Jahrhunderts. Fast alles wissenschaftlich untermauert, sogar vom Amt für die Rheinische Landeskunde in Bonn. „Die Grenzlinie zwischen den Grillaschtorten-Liebhabern und ihren Verächtern verläuft etwa nördlich von Aachen quer durch das rheinische Tiefland bis in das Bergische Land“, weiß Volkskundler Peter Honnen. Aber das Stammland ist und bleibt der linke Niederrhein zwischen Mönchengladbach und Emmerich.

Und die von einem Niederrheiner und gelernten Bäcker vor Jahr und Tag gegründete Initiative „Rettet die Grillagetorte“ hat inzwischen sicherlich dazu beigetragen, dass das Totenglöcklein auf diese traditionsreiche und köstlich schmeckende lokale Spezialität mit Suchtfaktor kaum mehr zu hören ist. Nach dem Stopp in Krefeld geht es weiter am Niederrhein immer auf der B 9, über Geldern, Kevelaer, Goch, Kleve bis nach Kranenburg an der deutsch-holländischen Grenze. Und in den Cafés überall die erwartungsvolle Frage: „Gibt es bei Ihnen Grillagetorte?“