Michael Schmidt wollte einst Berufsmusiker werden, doch...

Sie heißen „flickWERK“ und haben im Niersteiner Proberaum viele Teppiche liegen: (v.l.) Michael Schmidt, Daniel Guttandin, Burkhard Knipping, Rico Symonowicz und Frank Bitzer. Foto: hbz/Kristina Schäfer

In Hahnheim geht es um „flickWERK“

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HAHNHEIM/NIERSTEIN. Anfang der 80er ging von der Welt der Rockmusik noch eine andere Verlockung aus als heutzutage. Der junge Michael Schmidt war Teil eines, wie er sagt, „psychedelischen Punk-Rock-Trios“. Man hüpfte den Fußstapfen von King Crimson und Rush hinterher, postierte den Schlagzeuger mit dem Rücken zum Publikum. „Captagon“ nannte sich das Gebilde – orientiert an einem Medikament von durchaus zweifelhaftem Ruf.

Es war die Zeit, in der Schmidt seine Lehre schmiss, um Musiker zu werden. Daheim waren ihm Gitarre und E-Bass in die Hände gefallen, aber am Konservatorium in Frankfurt merkte er schnell, wie viele Studienkollegen schon so viel mehr drauf hatten. Also zurück ins Handwerk, Lehre, Selbstständigkeit, Meister. In den letzten Jahren hat der Treburer, den es mit seiner Freundin nach Hahnheim verschlagen hat, für Hunderte Kunden in der Verbandsgemeinde Rhein-Selz Fliegengitter und Sonnenschutz montiert. Die Werbetafel an der B 9 ist kaum zu übersehen. Sein Büro hat Schmidt unter dem Proberaum, in dem Daniel Guttandin sein Band-Projekt „flickWERK“ vorantreibt. „Ich habe ihm gesagt: Wenn du einen Basser brauchst, sag Bescheid“, erzählt Schmidt. Vor zwei Jahren war es so weit.

Mit dem Musikmachen hat er nie aufgehör. Mit der Deutsch-Pop-Band „Na und“ tourte er bis nach Griechenland, beim Jazz-Festival in Idstein stand er vor zehn Jahren als Teil der Headliner auf der Bühne, mit der Retro-Kapelle „Rokko Rubin & die Schlagerjuwelen“ ging es auf Dieter Thomas Kuhns Pfade. „Ich habe so viele Berufsmusiker kennengelernt und festgestellt, was für ein hartes Geschäft das ist“, erzählt Schmidt. Nebenher, als Hobby, lässt sich der Spaß bewahren.

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Einmal die Woche wird geprobt. Manchmal bringt Sänger Guttandin neue Songtexte und ein paar Akkord-Fragmente mit, und dann wird im Kollektiv ausgeschmückt, um einen Kasten Bier herum. „Das Unproduktivste, was du machen kannst“, sagt Schmidt – und strahlt. Als Unternehmer arbeitet er in den wärmeren Monaten das Einkommen für das ganze Jahr zusammen, nebenher hat er komplett in Eigenarbeit ein über 100 Jahre altes Wohnhaus hergerichtet. Auf seiner schon 2002 – weit vor all den Blogs und Youtube – an den Start gebrachten Homepage www.heimwerkerseite.de holen sich jeden Monat Zehntausende Interessierte Tipps fürs Eigenheim. Doch im Studio tritt der Unternehmer beiseite, der Musiker kommt wieder raus. Der Keyboarder ist Musiklehrer, der Gitarrist Geologe und Teil einer Jazz-Fusion-Band, der Drummer trommelt auch in einer Springsteen-Cover-Formation. Und Guttandin ist auf den hiesigen Festbühnen ohnehin bekannt wie ein bunter Hund. Eine vielfältige Truppe, ein gemeinsames Ziel.

Das Ergebnis, das jetzt auf die 43 Minuten lange Debüt-CD gepresst wurde, beschreibt Schmidt als „Liedermacher-Rock“. Acht Songs landeten auf dem Silberling, doppelt so viele sind fertig. Eingespielt wurde die Scheibe ganz klassisch vor Ort bei Stefan Glass im Studio-23 in Göllheim. Das Release-Konzert am 13. Oktober in Alsheim ist zugleich Verkaufsstart der 500 CDs. 13 Gigs spielte die Band bisher in dieser Besetzung. Wenn alles gut geht, kommen irgendwann die Kosten wieder rein.

„Ende der 80er, Anfang der 90er wurde es schwierig, die eigenen Sachen zu verkaufen und Konzerte zu spielen“, berichtet der Bassist, „die Jugendhäuser haben nach und nach zugemacht. So viel Livemusik wie jetzt gab es die letzten 20, 30 Jahre nicht mehr. Aber viele wollen nur Coverbands. Wir haben den Anspruch, was eigenes zu machen. Ich will ja auf der Bühne nicht so tun, als wäre ich jemand anders. Ich bin der Schmidti.“ Reich und berühmt werde er mit der Musik gewiss nicht mehr. „Ich habe meinen Beruf, muss mir samstagsabends nichts mehr dazu verdienen“, sagt er. Lieber einmal die Woche gemütlich in den Proberaum und einfach Musik machen.