Mauer schützt die „Glöck“ seit 1761

Es gibt viel zu berichten über Persönlichkeiten, die das alte Nierstein durch ihre Motivation und Zielstrebigkeit prägten. Eine kleine Auslese:Dr. Wilhelm Schlamp v....

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NIERSTEIN. Es gibt viel zu berichten über Persönlichkeiten, die das alte Nierstein durch ihre Motivation und Zielstrebigkeit prägten. Eine kleine Auslese:

Dr. Wilhelm Schlamp v. Hofe

„Villa Alexandrine“ nennt Dr. Justus Wilhelm Schlamp vom Hofe, ein Fabrikant aus Aachen, sein 1891 gebautes Domizil in der Weinbaugemeinde unterhalb der katholischen Kilianskirche. 1899 folgt die Erweiterung des Kellers. Die Weinversteigerungen finden jeweils im Gutshause statt.

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Im Mai 1903 findet gegen Schlamp vom Hofe ein Weinprozess statt, der weit über die Grenzen Deutschlands beachtet wird. So schreibt darüber der Daily Express in London, die Presse in New York und die deutsche Presse. Der Vorwurf: Verwendung von beigefügten Rosinen in zu großer Menge. Es folgt ein Freispruch, doch der Name ist allgemein angeschlagen.

Am 19. Juni 1903 schreibt die „Niersteiner Warte“: „Um vielfachen Anfragen gerecht zu werden teilen wir mit, daß die Beleidigungsklage des Herrn Dr. Schlamp vom Hofe gegen die Redaktion unseres Blattes aus dem Grunde erfolgte, da wir ein Eingesandt veröffentlichten.“ Schließlich konnte die „Warte“ im Dezember 1903 berichten: „Der Kläger, Dr. Schlamp vom Hofe von hier, wurde mit seiner Klage abgewiesen und hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.“

Dr. Schlamp vom Hofe wird immer wieder angegriffen und muss auch Spottverse in der Presse ertragen. Er benennt seine Firma um in „Rheinhessische Weinkelterei GmbH in Nierstein“. 1909 erfolgt die Weinbergsversteigerung wegen Wegzug.

Wilhelm Schlamp vom Hofe stirbt 52-jährig im Oktober 1918 und wird auf dem katholischen Friedhof in Nierstein beigesetzt. Seine Witwe versteigert im März 1919 die Villa und die letzten Weinberge.

Haus und Kellerei werden von Wilhelm Weinmann, später von der Berliner Weinhandlung Gruban und Souchay und schließlich vom Gustav Adolf Schmitt’schen Weingut erworben.

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Philipp Finck

Im Jahr 1863 baut Philipp Finck sein Gutshaus in der Bildstockstraße 57, später im Zuge einer Neuordnung in die Hausnummer 10 geändert. Im Jahre 1862 war es Philipp Finck gelungen, die bekannte und begehrte Lage „Niersteiner Glöck“ zu erwerben, die seit 1761 mit einer Mauer umgeben ist. Für diese Lage beantragt er eine Schutzmarke beim Patentamt, die ihm auch zugestanden wird. Die Schutzmarke zeigt eine Glocke mit einem Finken.

Philipp Finck stirbt im Jahr 1884 im Alter von 84 Jahren. Neuer Besitzer wird die Familie Diehl aus Mainz. Dazu schreibt die „Niersteiner Warte“ in einem Artikel am 2. Mai 1903: „Eine unserer ältesten Weinlagen ist wohl die weltbekannte Marke ,Niersteiner Glöck‘, welche sich noch heute in dem Besitz der Philipp Fincks Erben befindet und haben diese den guten Ruf des alten Gutes zu wahren verstanden, was in den alljährlich stattfindenden Weinversteigerungen stetiglich zum Ausdruck kommt.“

Am 16. Juli 1910 schreibt die „Warte“: „In letzter Zeit gehen Gerüchte durch unser Hessenland, die darauf hinauslaufen, als wenn die Domäne alle besseren Lagen und Güter aufkaufen wollte. Auch von dem vormals Philipp Finck’schen Weingute wurde vielfach als „an die Domäne verkauft“ genannt... doch wir können die Erklärung abgeben, daß die jetzigen Besitzer bisher mit der Domäne in keiner Weise wegen des Verkaufes in Unterhandlung standen“.

Trotz alledem verkauft die Familie Diehl im Jahre 1925 die Weinlage „Glöck“ an die Hessische Weinbaudomäne. Nach dem Tod von Dr. Anton Diehl im Jahre 1936 erfolgt im Jahre darauf der Verkauf des Gutshauses an die Gemeinde Nierstein, die es von da ab als Verwaltungssitz benutzt.

Von Ernst Otto Lattreutrer