Märchenhafte Burg spricht sich bis London rum

Die Trechtingshauser Märchenburg imponiert auch den Engländern. Foto: Michael Leukel

Die Illumination der Burg Rheinstein zur Weihnachtszeit macht Furore. Nach einem englischen Magazin hat jetzt auch der Daily Telegraph das romantische Gemäuer als...

Anzeige

TRECHTINGSHAUSEN. Der Brexit ist Top-Thema für die Briten. Welche Folgen der Ausstieg haben wird für die Wirtschaft und für den Tourismus auf dem europäischen Festland? Der „Daily Telegraph“ stellte Exit-Destinationen zusammen, eine Liste mit sechs Weihnachtsattraktionen in Europa. Die prachtvoll illuminierte Rheinstein hat es als „märchenhafte Weihnachtsburg“ in die exklusive Liste geschafft.

Familien als Zielgruppe

„Beim Telegraph zogen wohl vor allem die tollen Fotos von unserer Weihnachtsburg“, glaubt Burgherr Markus Hecher. Die Fotos hatte der Rheingauer Michael Leukel geschossen. Im vergangenen Jahr nämlich stellten die Hechers ihre Adventszeit neu auf. Saisonverlängerung, das Schlüsselwort im Mittelrheintal. Statt auf Initiativen von außen zu warten, ging die Burgfamilie mit ihrer „märchenhaften Weihnachtsburg“ an den Start (die AZ berichtete). Familien sind die Kernzielgruppe. Für Kinder liest Burgherrin Cornelia Hecher im Rittersaal Märchen vor, der Burgherr führt im Kostüm des 19. Jahrhunderts durchs Gemäuer. Drachen spielen eine Hauptrolle, und bereits am Burgweg hinauf begrüßen Märchenfiguren die Gäste.

Anzeige

Am sichtbarsten: Farbige LEDs tauchen Burgzinnen und Mauern in ungewohntes Licht. Zauberhafte Effekte lockten bereits im Startjahr rund 2300 Neugierige an acht Nachmittagen. „Ein toller Start“, findet Markus Hecher. Ab Samstag, 24. November, geht sein Team in die zweite Runde. Mit dem Einstieg von Sohn Marco und Schwiegertochter Cora kam frischer Wind ins Burggeschäft. „Entweder wir machen über den Winter komplett zu oder wir lassen uns etwas einfallen“, lautete die Devise. Budenzauber im Burgundergarten? „Funktioniert logistisch nicht“, so Hecher. Alles per Hand und Lastenaufzug heranschaffen, nein, zu aufwändig für Standbetreiber.

Bezahlbare Licht-Technik brachte den Impuls. Das Gemäuer konnte in der dunklen Jahreszeit medienwirksam in Szene gesetzt werden. Passend zum Romantik-Flair setzen die Hechers auch im Inneren auf Dekoration wie im 19. Jahrhundert, laufen selbst gewandet umher. Im Burgundergarten mit seinen 170 Jahre alten Reben werden Glühwein und Kinderpunsch ausgeschenkt. Für Tonaufnahmen engagierten sie einen professionellen Radio-Sprecher, und für die Optik im Internet setzten sie auf Fotos vom Fachmann.

Als „Alternative zum üblichen Weihnachtsmarkt mit Budenzauber“ will sich die Burg positionieren. Wichtig dabei: Der schmale Grat von Burg-Vermarktung mit Kostümen und knallbuntem Licht zu Kitsch und Kommerz musste gefunden werden. „Wir wollen kein Disney“, betont Hecher. Die Denkmalpflege gab ihr Okay. An acht Winterwochenenden darf die Burg bunt beleuchtet sein.

Auf dem Wasserweg zur Burg

Anzeige

Und wer richtig entschleunigen will: In Kooperation mit der Bingen-Rüdesheimer Fähr- und Schifffahrtsgesellschaft können Gäste von Bingen und Rüdesheim die Burg über den Wasserweg erreichen.

Wie der „Daily Telegraph“ konkret auf das Rheinstein-Programm stieß? Das Magazin „Landkind“ berichtete im Sommer über die Märchenburg-Initiative. Die Geschichte zog Kreise bis London. „Der Daily Telegraph wollte Informationen und Fotos“, erinnert sich Hecher an die englischsprachige Mail-Korrespondenz.

Bewerben musste sich die Rheinstein nicht als Weihnachtsattraktion. Nach vier Mails und dem Fotografen-Kontakt war das Burg-Thema in London gesetzt. „Ich rechne nicht mit einem Ansturm an englischen Flusskreuzfahrt-Gästen“, bleibt der Burgherr Realist. „Außerdem ist das Programm komplett deutschsprachig.“ Egal, lässt sich ja ausbauen.

Aber den historischen Kreis schließen, warum nicht? Denn ohne die Literatur, ohne die englischen Maler wäre die romantische Sicht auf den Mittelrhein im 17. und 18. Jahrhundert gar nicht entstanden. Eine ganze Epoche war von der romantischen Begeisterung fürs Burgleben geprägt. Die Rheinstein verdankt ihren Wiederaufbau nach jahrhundertelangem Verfall dieser Sehnsucht nach mittelalterlichen Ideal-Vorstellungen. Denn erst 1823 erhielt die Burg ihre heutige Optik; echt mittelalterlich ist an ihr wenig. Das „Neuschwanstein im Rheintal“ wurde Vorbild für viele Burgen-Renovierungen am Rhein. Der bestechende Charme zieht bis heute. Auch Markus Hechers Vater erlag ihm beim Kauf. So wurde 1975 ein Bühnentenor aus Österreich Burgherr und die Familie zum Ideenpool für Burgbelebung über die Saison hinaus.