Bundestrainer für Pétanque aus Oberdiebach reist Ostern zur...

Der Pétanque-Bundestrainer und Oberdiebacher Stefan Deuer am Rheinufer. Foto: Christine Tscherner  Foto: Christine Tscherner

Seit einem Jahr ist Stefan Deuer (54) Bundestrainer. Doch anders als Fußball-Kollege Joachim Löw steht er selten im Rampenlicht, hat keine Nationalspieler mit...

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OBERDIEBACH. Seit einem Jahr ist Stefan Deuer (54) Bundestrainer. Doch anders als Fußball-Kollege Joachim Löw steht er selten im Rampenlicht, hat keine Nationalspieler mit Millionen-Bezügen und nur einen zwölfköpfigen Kader. Pétanque ist Deuers Disziplin, das Boulespiel als Sport. Sein Trainerkoffer für die Weltmeisterschaft in Belgien an Ostern ist gepackt.

Das Rotweinglas steht griffbereit, das Wutzchen ist das Ziel und gewinnen Nebensache? Dieses Bild vom Hobby älterer Herren haben viele Deutsche. „In Frankreich ist der Stellenwert ganz anders“, weiß Stefan Deuer. „Spieler aus den ehemaligen französischen Kolonien leben sogar von den Turniergeldern.“

In Deutschland fehlen Sponsoren

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In Deutschland dagegen fehlen Sponsoren und Aufmerksamkeit. Pétanque ist seit 30 Jahren Deuers Leidenschaft. Er ist Gründungsmitglied der Boulespieler in Bacharach, inzwischen eine Hochburg des Sports bundesweit. „Nach Travemünde gibt es bei uns eines der größten deutschen Turniere“, sagt Stefan Deuer. Die prächtige Rheinkulisse gibt’s zur Sportstätte inklusive.

„Die Mutter eines Freundes aus Dichtelbach ist Französin.“ So kam der Sport über den Hunsrück an den Rhein. Der Freund mit den französischen Genen wurde Deutscher Meister und aus dem Bacharacher Zusammenschluss wurde 1994 ein Verein.

„Zuerst haben wir den Spielplatz und den Tonnenweg am Rhein genutzt“, erinnert der Bundestrainer an die Anfänge. Inzwischen haben die Spieler am KD-Steg ein Sportfeld. Die Szene ernsthafter Boulespieler ist in Deutschland anders als beim Fußball nicht riesig. Man kennt sich. „Gut 17 000 Lizenzspieler gibt es bundesweit“, sagt Deuer.

Für die Bildung eines neuen Kaders bat der Sportdirektor des Verbands um Unterstützung. Eine Handvoll Kenner beobachtete rund 30 Spieler. Auch Stefan Deuer stellte sich ehrenamtlich in den Dienst der Sichtung.

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Denn was nach lässigem Vergnügen aussieht, erfordert Konzentration beim Wurf und Spieltaktik, Überraschungsangriffe und Kalkül. Als die Bundestrainerstelle ausgeschrieben wurde, fiel der Name des Oberdiebachers. Im März vergangenen Jahres wählte ihn das Präsidium des Deutschen Pétanque Verbandes (DPV).

Ein Dutzend Damen, jeweils sechs im A- und B-Kader, sowie die Herren-Senioren übernahm Stefan Deuer. Sichtung, Lehrgänge, Deutsche Meisterschaft, WM-Vorbereitung, Organisation der Unterkünfte und Shuttle zum Spielort, Zusammenstellung der Formation und Coaching am Platz gehören zu seinen Aufgaben.

„Für Herren und Damen verschlang das Ehrenamt zu viel Zeit.“ 30 Wochenenden war der Signaltechniker im Ruhestand im vergangenen Jahr unterwegs. Zu viel. Zum Jahreswechsel gab er die Herren ab.

Welche Nation die Nase vorn hat? „Spanierinnen räumen alles ab.“ Bei den Männern trägt Madagaskar den Weltmeister-Titel. „Thailand ist richtig gut, aber die gehen mit militärischem Drill ran.“ Und natürlich die Franzosen. „Dort wird Pétanque sogar im Fernsehen übertragen.“

Kameras sind für Sponsoren wichtig. Die wiederum füllen Kaderkassen mit Finanzmitteln. „Das fehlt in Deutschland komplett.“ Seine Mannschaft besteht aus Spielerinnen von Freiburg bis Hannover im Alter von 26 bis 60 Jahren. Schießen und Legen ist keine Altersfrage – Fluch und Segen zugleich.

„Leider entdecken in Deutschland erst viele Spieler im Rentenalter den Sport für sich.“ Junger Nachwuchs hat Seltenheitswert. „Ein Jugendlicher unter lauter Alten fühlt sich nicht wohl.“ Geschätzte 30 000 bis 50 000 organisierte Hobbyspieler jagen regelmäßig das Wutzchen. „Aber wöchentliche Treffen im Park zählt keiner mit.“

Solchen Spielern ist nicht gewinnen wichtig, sondern die Gemeinschaft beim frankophilen Zeitvertreib. Ein einigermaßen ebener Hartplatz reicht dann als Turnierplatz aus. Ein paar Stahlkugeln, Mitspieler und einigermaßen gutes Wetter.

Auf französischen Dorfplätzen oder an italienischen Stränden gehört das Kugelspiel zum Alltagsbild. Da wird gelegt, geschossen, fliegen Kugeln in hohen Bögen oder rollen zum Ziel. Möglichst nah an die kleine Holzkugel müssen die Stahlkugeln heran, das bringt Punkte.