Unwirkliche Szenen auf dem Bacharacher Bahnsteig

Theaterchef Willy Praml hat alles im Griff. Auch die Aufführung auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig. Foto: Jochen Werner

Wer vor der Premiere von Heines „Rabbi von Bacharach“ schon einmal Theaterluft schnuppern möchte, hat dazu bei den Proben heute und morgen Gelegenheit.

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BACHARACH. Die Proben zum dritten Theaterfestival „An den Ufern der Poesie“ sind in vollem Gange. Und das an den Schauplätzen, an denen ab dem kommenden Samstag, 10. August, Heinrich Heines „Der Rabbi von Bacharach“ auch tatsächlich aufgeführt wird. Wer Festivalleiter Willy Praml und seinem Frankfurter Theaterensemble über die Schultern schauen will, kann das gerne tun. Am Bahnhof, in den Kirchen, am Rheinufer oder in der Wernerkapelle. Oder eben am Samstag, wenn sich der große Vorhang sinnbildlich zum ersten Mal zur rund viereinhalbstündigen Aufführung beim Parcours-Auftakt in der Kapelle hebt.

Was Pramls Theaterinszenierungen so besonders macht, das ist die Einbeziehung der Schauplätze mit ihren aktuellen Begebenheiten. Das ist die Klarheit, mit der der fraglos schwere Stoff vermittelt wird. Das ist die Art der Inszenierung, ist sein Vertrauen in die Schauspieler. „Die können das schon allein“, sagt der Regisseur und Macher, wenn er auf die gleichzeitig an den unterschiedlichen Orten stattfindenden Proben verweist. Er selbst hat alles im Kopf. Weiß genau, welche Textpassage an welcher Stelle zu beginnen hat. Inszeniert ist ohnehin alles. Das Ensemble kennt die Texte in- und auswendig. Im Jahr 2013 wurde der Rabbi erstmals in Frankfurt aufgeführt, 2015 und 2017 dann an den Originalschauplätzen in Bacharach. „Es ist alles da, muss nur wieder aus der Erinnerung hervorgeholt und lebendig werden“, sagt Praml.

Montagnachmittag, 14 Uhr, Bahnhof Bacharach, 30 Grad im Schatten. Ein Klarinettist spielt Melodienfolgen aus dem Film „Schindlers Liste“. Die schöne Sarah und der Rabbi stehen an den Fahrplänen, beginnen hier die Geschichte dieses Bildes, spielen mit der Fiktion, der Umwelt, der baulichen Infrastruktur. Lassen die Stadt Frankfurt von der Fußgängerüberführung heraus sichtbar, die Gleise zur Judengasse werden. Passanten und Touristen reiben sich verwundert die Augen, sind mitten im Geschehen drin. Die Akteure erspielen die Geschichte und faszinieren die Zuschauer unmittelbar. Und Praml verspricht: Mit den Mikroports als Lautsprechern wird bei den insgesamt drei Aufführungen (außerdem noch am 17. und 18. August) alles noch viel dramatischer, als es sich aktuell live anhört.

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Die Ankunft des Rabbi und seiner Sarah in Frankfurt, das ist das Thema der halbstündige Szene am Bahnhof, die in den Proben ohne den Frankfurter Heinrich-Heine-Chor auskommen muss. Aber ist alles wirklich so passiert, wie es gesagt wird? Oder ist es Traumwahn oder Wahntraum von Sarah und damit alles nur ihre persönliche Einbildung? Der Rabbi widerspricht ihr nicht. Und die immer wieder vorbeidonnernden Züge erinnern ungewollt an die Deportationen zur Zeit des Dritten Reiches.

Es ist die Szene nach der Rheinfahrt, die hier gespielt wird, und sich an den Auftakt in der Wernerkapelle anschließt. Hochromantisch wurden im Verlauf des Stückes bis dahin bereits die Märchen und Erzählungen aus dem Rheintal mit altjüdischen Sagen vermischt. Und die Jahrhunderte mit der Gegenwart. „Der Rabbi läuft gut“, ist Praml glücklich und verweist auf Restkarten, die für die Premiere noch zu haben seien. Menschen mit Charisma sieht er gefordert. Und von denen gebe es vor Ort viele: „Die Resonanz gibt es unmittelbar, sobald etwas getan wird.“

Der „Rabbi“ bildet den Auftakt des dreiwöchigen Kunstspektakels, das auch Oberwesel, Niederheimbach, Lorch und Kaub mit hochwertigen Aufführungen einschließt und einen Vorgeschmack auf die Buga 2029 geben und dabei möglichst das ganze Welterbetal zusammenbringen will. Mit der Plakatierung von Frankfurt über Bingen bis ins Tal hinein wurde ein bedeutender Schritt gemacht. Genauso wie mit der Einbeziehung beider Bundesländer und des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Ab Samstag sind die Theater- und Literaturfans gefordert, damit das zarte Pflänzchen, das vom Engagement weniger lebt und auf dem Können Pramls und seiner Weggefährten fußt, zum dritten mal insgesamt und erstmals so richtig erblüht.