Trafo-Transport durch Dichtelbach

Auf dem Weg durch Dichtelbach und über kurvige Waldstrecken wird es für den Koloss manchmal eng. Notfalls werden die beiden Selbstfahrer per Joystick millimetergenau bewegt. Zuletzt muss der graue Trafo von den Transportwagen auf Lafetten gehoben werden, um im Umspannwerk an seinen angedachten Platz gerollt zu werden. Fotos: Jochen Werner

Eineinhalb Jahre lang wurde der Schwertransport geplant. Nun wurde der erste von zwei Trafos für das Umspannwerk auf Bacharacher Gemarkung erfolgreich abgeliefert.

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KREIS BAD KREUZNACH/BACHARACH/DICHTELBACH. Teil eins ist geschafft. Der erste Schwertransport vom Stromberger Bahnhof über die Rheinböllerhütte und Dichtelbach zum neuen Umspannwerk auf Bacharacher Gemarkung an der L 224 hat am Montagnachmittag gegen 15 Uhr sein Ziel erreicht. Der erste Trafo, die erste von zwei Herzkammern der Anlage, steht. Wenn Nummer zwei die Reise am kommenden Sonntag und Montag antritt, ist das Ziel, den von den Windrädern erzeugten Strom auf eine Spannungsebene von 380 Kilovolt zu transformieren, ein Stück näher gekommen.

Auf dem Weg durch Dichtelbach und über kurvige Waldstrecken wird es für den Koloss manchmal eng. Notfalls werden die beiden Selbstfahrer per Joystick millimetergenau bewegt. Zuletzt muss der graue Trafo von den Transportwagen auf Lafetten gehoben werden, um im Umspannwerk an seinen angedachten Platz gerollt zu werden.

Über eineinhalb Jahre lang hat das Team des Dortmunder Übertragungsnetzbetreibers Amprion den Transport des 300-Tonnen-Kolosses vorbereitet, dazu Manpower und Geld in die Eisenbahn-Infrastruktur auf der alten Strecke der Hunsrückquerbahn von Langenlonsheim bis zum Stromberger Bahnhof gesteckt, inklusive der Brückensanierung. „Der Transportweg ist definitiv schon etwas Besonderes“, erklärt Amprion-Projektsprecherin Nancy Kluth. Brücken müsse man häufig bewältigen, „aber die vielen Steigungen hier sind eine Herausforderung“. Dazu habe man auch die möglichen Wetterlagen in die Berechnungen einbeziehen müssen.

Zusätzliche Brücken werden gebaut

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Was noch alles dazugehört, beschreibt Gleisanlagenmanager Gerd Pröpper als von Amprion beauftragter Logistikchef am Ziel. Es ist die gesamte Organisation inklusive des Auf- und sofortigen Wiederabbaus der zusätzlichen Brücken, des Aufstellens von Halteverbotsschildern, des Entfernens und Wiederanbringens von Straßenschildern und -laternen. Dazu gehörte das Erwerben eines freien Grundstückes an der zentralen Kreuzung in Dichtelbach, das wegen des Freihaltens des Transportweges auch zukünftig nicht bebaut werden darf. Mehr Erfahrung in solchen Arbeiten als Mittsechziger Pröpper hat niemand. Über 30 Transporte pro Jahr organisiert der Dortmunder, ist bei allen vor Ort. Normalerweise sei der Weg leichter zu bewältigen, sagt er, „aber auch in der Eifel ist es hin und wieder ähnlich“. Unmöglich gibt es für ihn ohnehin nicht.

Mit drei Zugfahrzeugen und einer Gesamtleistung von rund 2500 PS ging es am späten Sonntagabend von Stromberg bis hinter die Rheinböllerhütte. Ziemlich genau 96 Meter lang war der Hauptteil des Konvois. Vor Dichtelbach wurde dann wegen der engen Kurven umgebaut, von jetzt an kamen wegen der engen Straße und der Kurven allein die beiden je 500 PS starken Selbstfahrer zum Einsatz. Das so entspeckte Ungetüm mit 32 Achsen hatte immer noch eine Länge von etwas mehr als einem halben Fußballplatz und ein verbleibendes Gewicht von rund 600 Tonnen. „Dennoch ist die Radlast nicht höher als bei einem Feuerwehrauto“, konnte Pröpper diejenigen beruhigen, die Angst um Kanaldeckel, Straßen und Gehwege hatten.

Montag, High Noon. Die Schaulustigen drängen sich in der Dichtelbacher Ortsmitte. Fotoapparate und Handys werden gezückt. Kein Wunder: Millimeterarbeit ist an der Brücke über den Weiherbach angesagt, der hier seinen Namen in Dichtelbach ändert. Einige Stunden hat es gedauert, bis die Flyover-Brücke aus massivem Stahl ordnungsgemäß verlegt ist. Die Straße macht hier eine Linkskurve, an der Innenseite steht auch noch eine Laterne hinter dem Bürgersteig. „Big toys for big boys.“ – Große Spielzeuge für große Jungs. Daniel Sobczynski musste grinsen. Er und André Seichter waren die Piloten an den Fernbedienungen, die alles unter Kontrolle hatten.

Alles läuft Hand in Hand. Polizei, Verwaltungen und Landesbetrieb Mobilität sind dabei. Sofort nach der erfolgreichen Bachüberquerung des Monstrums, die eine knappe Stunde dauert, wird die Flyover-Brücke per Kranwagen abgebaut, mit Tiefladern weggefahren. Für Pröpper ist das Alltag, für ihn ist selbstverständlich, dass die Transportwegnachbereitung funktioniert.

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Transport läuft nahezu fehlerfrei

Kurz vor 15 Uhr ist das Ziel am äußersten Rand des Landkreises Mainz-Bingen erreicht, Pröpper macht sich auf den Heimweg. Fast alles verlief wie gewünscht, nur an wenigen Stellschrauben muss nachjustiert werden. Sobczynskis Bilanz ist absolut zufriedenstellend. „Der Montag war cool, am Sonntag hatten wir ein kleines Hydraulikproblem, und der Berg hat uns arg zu schaffen gemacht“, sagt er. Sein Teil der Arbeit lief wie am Schnürchen. Kein Wunder für den Piloten aus Moers, der seinen Job mit den Schwertransporten seit zehn Jahren ausübt: „Das fluppt!“ Am kommenden Wochenende dürfen die beiden „Big Boys“ wieder zeigen, was sie können: Der zweite Trafo wartet bereits auf dem Stromberger Bahnhofsgelände, damit das Herz im Umspannwerk mit seiner zweiten Kammer bald schlagen kann.