Jungwinzer will Tradition hochhalten

Gero Schüler aus Steeg liebt die Arbeit im Steilhang. Foto: Christine Tscherner

Gero Schüler aus Bacharach-Steeg arbeitet in Steillagen am Mittelrhein.

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STEEG. Gero Schüler, 21, startet dort durch, wo Vorgänger entnervt aufgegeben haben: Steillagen nimmt der Student im Tal beherzt in die Hand. Die Weinbautradition im Seitental des Rheins hochhalten und Wingerte reaktivieren, das ist sein Ziel. „Inzwischen habe ich ständig Angebote für Weinberge im Tal.“ Gero Schülers Talent hat sich längst in der kleinen Community am Mittelrhein herumgesprochen. Ja, der junge Steeger wird mit seinem Mini-Weingut bereits als Geheimtipp gehandelt. „Dabei habe ich noch gar keine Homepage und nur den Instagram-Kontakt zu Kunden.“

Doch von vorn: So ganz ohne Winzer im Stammbuch lässt sich im kleinen Ortsteil Steeg nicht aufwachsen. Das kleine Weingut von Geros Großvater führte nach dessen Tod zunächst die Oma und dann der Onkel im hessischen Oberursel als Nebenerwerb weiter. „Während meiner Abiturzeit habe ich meinen Onkel das ganze Weinjahr über begleitet von der Wingertarbeit bis zum Keller.“ Ein Drittel Hektar, keine große Sache. Das war vor drei Jahren. Eine vage Idee reifte während der Oberstufenzeit am Binger Gymnasium: Auch ohne großes Familienweingut im Rücken könnte Oenologie in Geisenheim für ihn die Alternative zum Chemie-Studium sein.

Ein halbes Jahr Pflichtpraktikum in der Pfalz und parallel die Weinbergsarbeit in Steeg ließen den Traum reifen. „Alle im Ort haben mich unterstützt, als wären sie froh, dass endlich ein Nachfolger die Steillagen anpackt.“ Ständig klingelte das Telefon. „Mir wurden Flächen mit 50 und 60 Jahre alten Reben angeboten.“ Das junge Weingut griff zu.

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Einer von Geros Lieblingshängen ist der Steeger Hambusch. „Aus dem Stand heraus haben wir so hohe Mostgewichte und supergutes Lesegut geerntet, da würde ich gern weitere Zeilen wieder bepflanzen.“ Denn mit einem großen zusammenhängenden Stück ließe sich ein weiterer Plan umsetzen: weg vom konventionellen Weinbau und hin zu biodynamischer Methode ohne Spritzmittel.

Gero Schüler galt auf der Mittelrhein-Weinmesse im vergangenen Jahr als echte Entdeckung. „Außer der kulinarischen Sommernacht und dem Weinblütenfest bin ich ja noch nirgends präsent.“ Für Supermärkte ist seine Menge viel zu gering. Das Bopparder Hotel Bellevue hat sich bereits den Steeger Jungwinzer für eine exklusive Kooperation mit Spätburgunder aus dem Holzfass gesichert. Wer sich Portokosten sparen, aber dennoch Gero-Wein testen will, muss in den abgeschiedenen Bacharacher Ortsteil reisen. Der letzte Haushaltswaren-Laden des Dorfes gehört Geros Oma. Die 75-Jährige ist neu in die Verkaufsabteilung ihres mutigen Enkels eingestiegen.

Zusammenhalt wird im Seitental nämlich groß geschrieben. Wenn einer sich mit Verve für den Erhalt der Kulturlandschaft einsetzt, dann kann er sich der Unterstützung der Bewohner gewiss sein. „Wir haben nur 450 Hektar Rebfläche am Mittelrhein insgesamt, anderswo auf der Welt kommt das bei einem einzigen Weingut zusammen“, weiß der Student. Zudem muss er bei vielen Brachlagen nicht wie seine Mitstudenten vom „Flachland“ um jede Rebzeile feilschen. Neben der Uni bewirtschaftet Gero Schüler seine inzwischen 1,5 Hektar mit Hilfe seines Onkels, mit Kommilitonen und Freunden. Familie und Nachbarn helfen in der Lese.

Den Ausnahmesommer 2018 erlebte der Steeger als „grandios“. Sogar seinen ersten Eiswein konnte er ernten. „In diesem Jahr habe ich endlich Mengen, die ich bei Weinprämierungen anstellen kann.“ Vergleich ist wichtig. Kräftig rührt der Steeger die Werbetrommel, bloggt vom Traktor aus, trumpft mit spektakulärem Burgblick und grandioser Rheinkulisse auf. „Hier gibt es keine Massenprodukte, hier ist viel Handarbeit gefordert und es entstehen echte Unikate.“ Eine große Portion Heimatliebe klingt durch. Er glaubt an Mittelrhein-Rieslinge und Rotweine mit Charakter. Und vor allem glaubt er an die Zukunft der Steillage in einer atemberaubend schönen Landschaft.