Im schönsten Funkloch

Kabarettist Martin Zingsheim präsentiert in Ober-Olm sein „Kopfkino“.

Anzeige

OBER-OLM. „Begrüßen Sie mit mir den Shooting-Star der deutschen Kabarett-Szene“, kündigte Thomas Weinisch den Kabarettisten Martin Zingsheim an. Thomas Weinisch ist der Erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Ober-Olm und hieß die Besucher in der voll besetzten Halle des Turnvereins willkommen. Der aus Köln stammende 34-jährige Kabarettist Martin Zingsheim hat Musikwissenschaft, Theater-, Film und Fernsehwissenschaft und Philosophie studiert und promovierte zum Thema „Neue Musik“. Derzeit tourt er parallel mit vier verschiedenen Programmen und hat 2016 auch noch ein Buch mit dem Titel „Eltern haften an ihren Kindern“ veröffentlicht. Der vierfache Vater weiß mit Sicherheit, wovon er schreibt und redet.

Zum Kabarettabend der AWO in Ober-Olm brachte er sein Programm „Kopfkino“ mit. Martin Zingsheim hat es 2011 geschafft, in drei Tagen drei Kleinkunstpreise einzusammeln. 2015 erhielt er den Deutschen Kleinkunstpreis (Förderpreis) und 2016 den Salzburger Stier. Und womit? Mit Recht! Wortakrobatik vom Feinsten und die Liebe zum gesprochenen (oder auch gesungenen Wort), das macht sein temporeiches Soloprogramm so außergewöhnlich. Dass die Sprache überaus wichtig ist, dass sie teilweise misshandelt wird, bzw. auch als politisches Werkzeug benutzt wird, beweist der Lockenkopf in seinem zwei Stunden dauernden Programm. Er bescheinigt Angela Merkel die Fähigkeit, mit Sätzen wie „Ich bin strikt gegen Mindestlohn, sollten wir aber einführen“ ihre „Entschlossenheit“. Um die Glaubensmüdigkeit etwas zu reduzieren, schlägt er vor, dass Stadionsprecher Gottesdienste abhalten und Priester als Stadionsprecher fungieren. Promovierte Geisteswissenschaftler, hierzulande bekannt als Taxifahrer, könnten die Rolle der Sportmoderatoren übernehmen, und die Hooligans gehen dafür ins Museum.

„Ich glaube ja, dass der Werbespruch eines Dating-Portals ,Alle elf Sekunden verliebt sich ein Single über Parship‘ stimmt“, gesteht Zingsheim. „Aber ich denke, das ist jedes Mal der Gleiche!“. Der Kabarettist schafft es, Hermann van Veen und Klaus Kinski ein Duett über die Information in Hotels singen zu lassen, wann und wie das mit den Handtüchern funktioniert. Ebenso perfekt wie diese beiden Künstler imitiert er Hape Kerkeling in seiner Rolle als Horst Schlämmer. Als Veganer empfiehlt er dem Publikum, doch wenigstens einmal drei Tage „vegan“ zu kommunizieren. Was er dann auch wie aus der Maschinenpistole geschossen demonstrierte. Martin Zingsheim ist ein Schnellsprecher. Seine Wortkaskaden suchen ihresgleichen. „Sind Elektroschocks humaner, wenn man sie mit Ökostrom verabreicht?“, sinniert er.

Auch die in der ersten Hälfte des Programms auftretenden Probleme mit dem Funkmikrofon überspielte er souverän und bezeichnete Ober-Olm als „das schönste Funkloch in Rheinland-Pfalz“. Nachdem das Publikum ihn zu einer Zugabe animierte, bedankte er sich für die intensive Betreuung: „Das war fast schon Pflegestufe 3.“ Der bereits zum neunten Mal veranstaltete Kabarettabend der AWO war ein voller Erfolg und wird im nächsten Jahr wieder am 9. November stattfinden. Wer Martin Zingsheim in diesem Jahr nochmal sehen und hören möchte, kann dies am 21. November im Mainzer Unterhaus tun. Dort wird er mit seinem Programm „aber bitte mit ohne“ gastieren.