Salon mit Charme und Atmosphäre

Friseur Berthold Breitmann in seinem Salon mit der besonderen Atmosphäre, den er seit 23 Jahren führt. Foto: hbz/Michael Bahr

Friseurmeister Berthold Breitmann führt seit 23 Jahren sein Geschäft in Nieder-Olm. Der Musikliebhaber ist auch Kultur-Fan, was sich im Laden widerspiegelt.

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NIEDER-OLM. Dieser kleine Salon hat Atmosphäre. Und Charme. Hübsche Art-deco-Lampen, alte Holzdielen, historische Möbel zaubern eine besondere Stimmung bei Friseur Berthold Breitmann. Auch, wenn das WLAN-Passwort ganz modern auf einem Zettel an der Wand steht, ist von Hektik nichts zu spüren. Einen kalten, sterilen Betrieb möge er nicht, sagt der Friseurmeister, der seit 23 Jahren sein Geschäft in der Pariser Straße führt. Gegenüber zweigt die Backhausstraße ab, in der er aufwuchs. „Wenn ich beim Haare schneiden aus dem Fenster schaue, sehe ich mein Geburtshaus. Wer kann das schon von sich behaupten?“, meint er.

Seine Kasse stammt aus den Fünfzigerjahren, und an einer Wand hängen Schwarz-Weiß-Fotografien seiner Frau Marie-France Breitmann. Sie ist Belgierin und hat über 20 Jahre lang im Umkreis von Nieder-Olm als Chanson- und Jazzsängerin Konzerte gegeben. Auch in Hotelbars in Frankfurt trat sie auf, Breitmann begleitete sie oft. „Ich war Manager und Roadie“, sagt er lachend. Die Musikanlage habe er so manches Mal aus dem Auto in die Hotels geschleppt. Einmal, nach einem Harry-Belafonte-Konzert in Mannheim, das die Breitmanns als Zuhörer besuchten, trafen sie den Star an der Hotelbar wieder. „Meine Frau sang ihm spontan ein Ständchen, er war begeistert“ – gern blickt Breitmann auf diese Zeit zurück.

Neben dem geliebten Beruf habe die Kultur, die Musik sein Leben stark geprägt, sagt Breitmann, der am 8. Dezember seinen 60. Geburtstag mit seiner Frau, der Familie, Freunden und einigen Kunden feiert. Geplant ist eine Champagnerparty in Nieder-Olm mit 60 Gästen. Klar, dass die Musik da auch nicht vom Band kommt, sondern live gespielt wird. „Ein Pianist, mit dem meine Frau früher aufgetreten ist, ist dafür zuständig“, berichtet Breitmann. Marie-France ist seit zwei Jahren im „musikalischen Ruhestand“.

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Das Ehepaar Breitmann ist künstlerisch vorbelastet. Ihr Vater war Chansonnier. Sein Opa war als Chordirigent tätig, seine Oma sang am Theater in Mainz. Berthold Breitmann ist Mitglied der Nieder-Olmer Sängervereinigung, seit er 13 ist. Sein Vater Erich Breitmann, der bekannte Orgelbauer, hat Berthold nicht nur die Liebe zur Musik vermittelt, sondern ihm auch Requisiten überlassen. „Das war beim Orgelbau übrig, ich habe es hier über dem Eingang eingebaut“, sagt Breitmann und weist auf ein hölzernes Ornament über der Ladentür hin.

Früher befand sich in dem Haus, in dem er heute arbeitet, ein Krämerladen. „Das Gebäude stammt aus dem 17. Jahrhundert, der Laden wurde wohl um die Jahrhundertwende betrieben“, erzählt er. Den hölzernen Kaufmannsladen findet man heute nicht mehr im Hinterzimmer, den hat die Vermieterin ausgebaut und verkauft. „Aber man sieht noch in der nördlichen Mauer des Hauses, wo sich einst ein Wandkühlschrank befunden hat“, berichtet Breitmann. Für die Geschichte des Hauses interessiere er sich sehr, er hat auch die alten Dielenböden vorne im Salon an der Pariser Straße erhalten, weil das schön heimelig ist. Bevor er sich 1996 in seiner Heimatstadt selbstständig machte, war Breitmann im Salon Pleniger in der Parcusstraße in Mainz tätig. „1975 begann meine Lehre, ich arbeitete dort bis 1995, am Ende als Chef“, blickt er zurück.

Im Frisiersalon in Nieder-Olm geht es familiär zu, Breitmann hat eine Angestellte. Und sehr viele Stammkunden. „Sie dürften 90 Prozent ausmachen“, schätzt er. Immer an Straßenfest und Kerb veranstaltet er vor dem Salon ein Kundenfest, „als Dankeschön für die jahrelange Treue“. Im Salon hat er schon Lesungen, Konzerte, Ausstellungen organisiert. Er sei zu gerne der „Kulturfriseur“, resümiert Breitmann. Worauf legt er Wert, wenn er frisiert? „Das Schönste ist doch, wenn die Kunden zufrieden sind, wenn ich ihnen einen ,schönen Kopf’ gemacht habe“, ist er überzeugt. Er habe seinen Stil, seine Individualität. Und zu Modeerscheinungen eine ganz klare Meinung: „Mode ist, was gefällt. Alles andere ist Nachäfferei.“

Fünf Jahre lang werde er auf jeden Fall noch Schere und Kamm schwingen, denkt Breitmann. Es gebe auch Pläne für den Ruhestand, aber die sind noch nicht spruchreif. Schon seit Längerem hat er einen Gang zurückgeschaltet und montags und mittwochs geschlossen – „das ist quasi meine Altersteilzeit“, verkündet er.