Bücher-Sessel in Nieder-Olms Stadtmitte

Vor der katholischen Kirche in der Stadtmitte versammeln sich zahlreiche Menschen, um den Büchersessel einzuweihen. Irene Alt sitzt schon einmal Probe. Foto: hbz/Bahr

Ein bronzener Büchersessel erinnert an Dichter Wilhelm Holzamer. Das Kunstprojekt wurde von der Liesel-Metten-Schule mit Bildhauerin Metten sowie der Bürgerstiftung...

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NIEDER-OLM. Da steht er in der Spätsommersonne, prächtig und bronzen: der Nieder-Olmer Büchersessel, gewidmet dem Dichter Wilhelm Holzamer. Er ist aus 400 Büchern entstanden, die die Schüler der Liesel-Metten-Schule mit dem Förderschwerpunkt motorische Entwicklung eingegipst und mit der Namensgeberin ihrer Schule, der Künstlerin Liesel Metten, zum großen Sitzmöbel geformt haben. Eine Kunstgießerei in Mainz-Kastel stellte den Bronzeabguss her, finanziert von der Bürgerstiftung Rheinhessen. Am Freitagmorgen nun wurde der fertige Sessel vor der katholischen Kirche in Nieder-Olms Stadtmitte feierlich eingeweiht. Pfarrer Hubert Hilsbos sprach den Segen und betete: „Danke, Gott, dass so viel in Büchern steckt. Lass uns immer wieder Zeit und Ruhe finden, um das Geheimnis dieser Bücher zu entdecken.“

Ja, die Schüler der Metten-Schule schmökern viel, sie nutzen rege die Bücherei und nehmen gern am Vorlesewettbewerb teil, berichtete Schulleiterin Gabriele Ptok. Die Mädchen und Jungen wiederum erzählten, warum sie gern Blicke in Bücher werfen: „Mein Lieblingsbuch ist ,Conni reist ans Mittelmeer‘“, sagte ein kleiner Junge. „Lesen macht mir Spaß. Besonders Fußball- und Abenteuergeschichten. Damit kann ich gut Deutsch lernen“, meinte sein Klassenkamerad. Ein Mädchen sagte, Lesen sei eine Bereicherung und diene der Entspannung. Stadtbürgermeister Dirk Hasenfuss bekannte im Interview mit Gabriele Ptok, dass er momentan als „Vorleser “ seiner Kinder nur Kinderbücher lese. Irene Alt, Bürgerstiftung Rheinhessen, verriet, dass sie ein Faible für Provence-Krimis habe. Und Pfarrer Hubert Hilsbos nimmt sich gerade eine interessante neuere Biografie von Franz von Assisi vor – passend zum Namen der Pfarrei.

Gabriele Ptok blickte zurück aufs Lesesessel-Projekt: „Unsere Schüler haben an zwei Tagen über 400 ausgemusterte Bücher eingegipst, im Speisesaal und unter unserem Vordach.“ Das sei eine schwierige, lustige, bisweilen auch dreckige Angelegenheit gewesen. „Besonders der Bogen der Lehne war schwer zu gipsen“, sagte Ptok. Doch mithilfe der Lehrer, Betreuer und von Liesel Metten gelang den Kindern das Kunstwerk. Die Bedachungsfirma Neger aus Mainz habe den Sessel aus Gips kostenlos zur Gießerei gefahren, auch bei den Gipsbinden habe es sich um Spenden gehandelt. Die 20 000 Euro für den Bronzeguss wiederum brachte die Bürgerstiftung Rheinhessen mittels Crowdfunding auf. Vorsitzende Irene Alt informierte, dass die Stiftung sich um soziale Projekte kümmere, und es sei großartig gewesen, dass sich 103 Unterstützer gefunden hätten, die insgesamt 23 000 Euro sammelten. Der Lesesessel verbinde Kunst mit Sozialem, Kultur und Tourismus.

Liesel Metten unterstrich, die Plastik sei Wilhelm Holzamer gewidmet, dem Nieder-Olmer Schriftsteller. „Er darf nicht in Vergessenheit geraten, und deshalb ist zur Einweihung des Sessels eine Broschüre erschienen. Sie enthält Holzamers Novelle ,Sein letztes Hochamt‘; einleitende Worte dazu hat der frühere Leiter der AZ-Feuilletonredaktion, Jens Frederiksen, verfasst.“ Die Broschüre wurde unter den Anwesenden verteilt. Sodann ließen sich die Kinder und zahlreichen Erwachsenen, die zur Feier gekommen waren, nicht zweimal bitten und saßen nach Ende der Zeremonie fleißig Probe auf dem guten Stück.