„Presse glaubwürdiger als Kirche und Politik“

Beim Martinskirchengespräch in Jugenheim ging es um die Frage „Wem kann ich glauben“? Dabei schnitt der Journalismus unter dem Schnitt besser ab als Politik und Kirche.

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JUGENHEIM. Es gibt gewiss einfachere und auch geringere Fragen. „Wem kann ich glauben?“ Die Frage ist in Zeiten, in denen Politik, Kirche und Medien gleichermaßen in der Glaubwürdigkeitskrise zu stecken scheinen, nicht ohne Brisanz. Vor allem, wenn, wie beim Martinskirchengespräch zum Buß- und Bettag in Jugenheim (Moderation: Uli Röhm), mit SPD-Finanzministerin Doris Ahnen und Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender Vertreter zweier der viel kritisierten Institutionen in einem Gotteshaus auf dem Podium sitzen.

Genaue Erklärungen schaffen Vertrauen

Für Ahnen ist die Kategorie der Glaubwürdigkeit die wichtigste in der Politik. Mit dem Vorwurf der Lüge sei mancher Berufskollege zu leicht bei der Hand. „Ich glaube, die allermeisten Politiker sind am Gemeinwohl orientiert“, erklärte die Ministerin. Nur mit der Behauptung, Sachverhalte seien zu kompliziert, um sie zu erklären, machten es sich viele zu einfach. Genaue Erklärungen schaffen Vertrauen – und Versprechungen, die in dem Wissen abgegeben werden, dass man sie ohnehin nicht halten kann, verursachen genau das Gegenteil. „Die Demokratie braucht einen Vorschuss an Vertrauen“, sagte Ahnen, „in einer Misstrauenskultur funktioniert Demokratie nicht.“

Brender warb dafür, als Leser, Zuschauer und Hörer den skeptisch-prüfenden Blick zu bewahren. Journalisten seien gut beraten, die Wege transparent zu machen, auf denen sie nach der Wahrheit suchen. „Wir gelten als Übersetzer schwieriger Dinge“, sagte der Breisgauer. Dem müsse man gerecht werden. „Erheblich an Glaubwürdigkeit verloren“ habe seine Branche während der Flüchtlingskrise, als Fragen, die in der Bevölkerung bereits gestellt wurden, nicht hinreichend aufgegriffen worden seien. Es sei das Gefühl aufgekommen, dass Politiker und Journalisten in einem Boot säßen. Eine Anmerkung, die nicht ohne biografischen Hintergrund ist, wenn man sich an die heftige Debatte über den Zugriff der Parteipolitik auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Zuge seiner Absetzung als ZDF-Chefredakteur erinnert. Verständlich daher, dass Brender besonders sensibel auf vermeintlich oder tatsächlich fehlendes Hinterfragen von Regierungshandeln und dessen Folgen reagiert.

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Ahnen verteidigte den damaligen politischen Kurs und empfand Brenders Medien-Kritik als „harten Vorwurf“. Zuvor hatte sie die Glaubwürdigkeitsprobleme in den sozialen Medien verortet. „Die Arbeit der Journalisten insgesamt wird nicht so negativ gesehen. Wir haben noch einen wirklichen Qualitätsjournalismus in Deutschland.“ Den gelte es aufrecht zu erhalten. Der Kommunikationswissenschaftler Professor Oliver Quiring empfahl den Journalisten, die früher zuweilen an übertriebenem Selbstbewusstsein gelitten hätten, nun nicht in Sack und Asche zu gehen. Die Branche sei messbar verunsichert, doch an Reflexion fehle es nicht. Und in Sachen Glaubwürdigkeit stünde die Presse immerhin noch besser da als die Kirche und, insbesondere, die Politik.

Feste Meinungskrusten in sozialen Medien aufbrechen

Auffällig sei, dass fehlendes Vertrauen in diese Institutionen häufig gemeinsam vorkommt. Quiring sprach vom Typus des Zynikers. Und Menschen hätten die Tendenz, sich selbst zu bestätigen, was den Rückzug in „Filterblasen“ erklärt. Brender forderte die Bürger auf, sich genau dort in den sozialen Medien einzumischen, um feste Meinungskrusten aufzubrechen. Wem also kann man glauben? Auf die Idee, über Gott zu sprechen, kam auf dem Podium keiner.