Professorin Katja Schupp bildet Medienmacher der Zukunft aus

„Fass Dich kurz“ heißt das Talkshow-Format, das Katja Schupp (5.v.l.) mit Studenten des Bachelor-Beifachs audiovisuelles Publizieren umsetzt. Hier hat der Kurs eine Talkshow zum Thema Wohnungsnot aufgezeichnet. Foto: Florian Preßmar

Katja Schupp nennt ihre Professur eine „Traumstelle“. Warum die Dozentin gerne mit jungen Menschen zusammenarbeitet – und zu welcher ungewöhnlichen Zeit sie Filmproduktionen plant.

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WALDALGESHEIM/MAINZ. Mitten in der Nacht, wenn die meisten noch im Bett schlummern, beginnt nicht gerade selten der Tag von Katja Schupp. Häufig steht die Professorin schon um drei, vier Uhr morgens auf, um loszulegen. Zu dieser Zeit klingelt noch kein Smartphone, ploppen keine E-Mails auf, schlafen ihre fünf Kinder noch seelenruhig. Für die Waldalgesheimerin ist es die perfekte Zeit, um ihre Aufgabenliste in Ruhe etwas abzuarbeiten.

„Fass Dich kurz“ heißt das Talkshow-Format, das Katja Schupp (5.v.l.) mit Studenten des Bachelor-Beifachs audiovisuelles Publizieren umsetzt. Hier hat der Kurs eine Talkshow zum Thema Wohnungsnot aufgezeichnet. Foto: Florian Preßmar
Wie informiert sich eine Journalismus-Professorin? Katja Schupp: „Ich lese ganz klassisch Zeitung. Ich finde das Haptische toll. Zudem passt die Zeitung in den sehr unruhigen Tagesablauf immer rein.“ Foto: Hartmut Seifert

Dazu gehört etwa, den nächsten Kurs am journalistischen Seminar der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität vorzubereiten. Dort lehrt die 47-Jährige seit 2017 als Professorin für Journalismus und audiovisuelles Publizieren. Die gebürtige Siegenerin bildet also „Medienmacher“ der Zukunft mit aus.

Es kann aber auch sein, dass sich die fünffache Mutter früh morgens schon Gedanken über das nächste Thema einer Dokumentation macht. Denn Katja Schupp hat seit 2012 eine eigene Produktionsfirma „augenAuf Filmproduktion“. Der Name? Ist bewusst so gewählt! „Es finden sich überall spannende Themen, auch direkt vor den Haustür – wenn man mit offenen Augen durch den Alltag geht.“

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Die Filme macht die Journalistin meistens zusammen mit ihrem Ehegatten, Hartmut Seifert, der Kameramann beim ZDF ist. „Ich kaufe ihn dann ein“, erzählt sie mit einem Grinsen. Die beiden haben schon viele Projekte gemeinsam gestemmt. Bei der Doku „Die wundersame Reise der unnützen Dinge“ begleiteten sie eine Puppe, ein Sofa und ein Bild vom Sperrmüll am Straßenrand eines rheinhessischen Dorfes bis zum neuen Besitzer im Südosten Polens. Noch heute habe sie bei der Abnahme, bei der die frühere ZDF-Redakteurin eine Rückmeldung zu ihrem Film bekommt, Herzklopfen. Die Produktionen, für die Schupp und Seifert oft Monate, manchmal Jahre recherchieren, laufen nebenbei, erzählt die Filmemacherin. Ihr Hauptaugenmerk liegt aber auf der Tätigkeit an der Uni. Die Professur nennt die 47-Jährige eine „Traumstelle, denn ich arbeite mit jungen Leuten zusammen, bin am Puls medialer Entwicklung. Ich sehe, wie junge Leute ihren Weg ins Leben gehen, darf ein bisschen Steigbügelhalter sein“. Als Dozentin will Schupp ihren Studenten nicht nur das journalistische Handwerk an die Hand geben. Sie will ihnen auch wichtige Charaktereigenschaften – wie Rückgrat beweisen, Durchhaltevermögen haben und Haltung zeigen – vermitteln. Es gebe heute einen großen „Aufmerksamkeitswahnsinn“. Journalisten stünden unter großem Druck, sich mit seriöser Arbeit gerade diesem Phänomen entgegenzustellen. Soll heißen: Medienschaffende sollten nicht der Gefahr erliegen, bei Geschichten irgendetwas hinzuzudichten, nur um die Erzählung noch beeindruckender, noch perfekter zu machen. Gerade der Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, der Reportagen ganz oder teilweise erfunden hatte, habe allen Berichterstattern geschadet.

Trotz des Auflagen-, Quoten- und letztlich Erfolgsdrucks findet die Waldalgesheimerin für ihre Kollegen und den Berufsstand deutliche Worte. „Wir müssen alle aufpassen, dass wir nicht die Bodenhaftung verlieren. Bestimmte gesellschaftliche Meinungen finden gar keinen Widerhall.“ Zudem müsse klar sein, dass man als Journalist Themen immer aus einer eigenen Wahrnehmung beobachte.

Ihren Studenten bringt die 47-Jährige bei, der Verlockung, ein Thema exklusiv und schnell zu vermelden, nicht zu erliegen. Exklusivität und Schnelligkeit seien zwar eine Chance, zugleich aber auch Risiko. Schupp nennt ein Beispiel: Beim Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016 hätte ein Zeitungs-Kollege kurz nach dem Attentat ein Live-Video gestartet und unvermittelt Verletzte, ja sogar Tote gefilmt. Für die Dozentin wäre so etwas undenkbar, unprofessionell. In solchen Situation sei es wichtig, auch als Nachwuchsreporter „Nein“ sagen zu können.

Die Grundlage für ein solides, professionelles Arbeiten sei übrigens die intensive Recherche. Außerdem sei es wichtig, an Themen dranzubleiben, nicht aufzugeben, rät sie auch dem journalistischen Nachwuchs. „Es gibt viele bemerkenswerte Geschichten. Man braucht nur Ausdauer und Zeit.“ Vor allem von Letzterem hätte die Professorin gerne mehr. Dann müsste sie ihren Tag vielleicht nicht ganz so häufig um drei, vier Uhr in der Früh beginnen.

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Von Bastian Hauck