Medikamentenreste gehören nicht in Spüle oder Toilette!

Kampf den Spurenstoffen: Im Klärwerk in Ingelheim muss man allerdings noch ohne die sogenannte Reinigungsstufe vier auskommen. Archivfoto: Thomas Schmidt

Fast jeder zweite Deutsche entsorgt seine flüssigen Arzneimittel zumindest gelegentlich über das Abwasser. Mit weitreichenden Folgen für die Umwelt.

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MAINZ-BINGEN. Wenn die Grippewelle – wie aktuell – über Deutschland rollt, schlägt sie wieder: die Stunde der Medikamente. Hier ein Hustensaft, dort eine Schmerztablette. Man will ja rasch wieder auf die Beine kommen. Häufig geht das so schnell, dass noch Medikamente übrig bleiben. Die Frage, wohin damit, beantworten mittlerweile viele Menschen mit Toilette und/oder Spüle. Zum Leidwesen der Umwelt – auch im Kreis Mainz-Bingen.

Hohe Konzentration an Spurenstoffen in Gewässern

„Die Konzentration an Spurenstoffen in den Gewässern ist mittlerweile sehr hoch”, weiß Christoph Weisrock, Geschäftsführer des Abwasserzweckverbands Untere Selz (AVUS). Für Menschen sind die Mengen nach heutigem Kenntnisstand zwar unbedenklich, für andere Lebewesen dagegen schon. So zeigen wissenschaftliche Studien, dass Hormone aus Arzneimitteln schon in sehr niedrigen Konzentrationen die Fortpflanzung von Fischen negativ beeinflussen können. In diesem Zusammenhang ist das Analgetikum Diclofenac, enthalten in Schmerzmitteln, zu nennen. Es kann im Klärwerk nicht abgereinigt werden. Ebenso wie auch Röntgenkontrastmittel.

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Laut einer Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gaben 47 Prozent aller Befragten an, flüssige Arzneimittel zumindest gelegentlich über das Abwasser zu entsorgen. Immerhin noch jeder Fünfte kippte seine festen Medikamentenreste in Toilette oder Spüle. Zusammen mit den Arzneimittelrückständen, die über die natürliche Ausscheidung ins Abwasser gelangen, werden die in den Resten enthaltenen Spurenstoffe zum Problem für die Kläranlagen. Diese sind nämlich nicht in der Lage, die mitunter gefährlichen Spurenstoffe vollständig aus dem Wasser herauszufiltern. Heißt: Sie gelangen in die Gewässer und letztlich auch ins Grund- und Trinkwasser. Von dort aus finden die Spurenstoffe den Weg zu Tier und Mensch. Ein Kreislauf.

Um das Problem der Spurenstoffe zu lösen, arbeitet die Forschung seit nunmehr 15 Jahren mit einem neuen Klärverfahren, der sogenannten Reinigungsstufe vier. „Wir sind da schon relativ weit“, sagt Professor Wolfgang Firk, Sprecher der Koordinierungsgruppe Spurenstoffe der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA).

Bei der Reinigungsstufe vier werden bestimmte anthropogene Spurenstoffe durch den Einsatz von Ozon und Aktivkohle im Klärlagenablauf reduziert. Zu den anthropogenen Spurenstoffen zählen insbesondere die Inhaltsstoffe von Human- und Tierpharmaka, Körperpflegemitteln, Industriechemikalien, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln sowie Pflanzenschutzmitteln. „Etwa 30 Großkläranlagen in Deutschland, speziell in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, arbeiten schon mit der Reinigungsstufe vier“, schätzt Professor Firk. In Rheinland-Pfalz tut dies seines Wissens nach aber noch kein städtisches oder kommunales Klärwerk, wie der Fachmann betont.

AVUS-Geschäftsführer Christoph Weisrock ist jedoch überzeugt, dass sich das irgendwann ändern wird. Eigentlich ändern muss. Denn das Problem der Spurenstoffe dürfte nicht kleiner werden. Im Gegenteil. „Die Menschen werden immer älter und nehmen immer mehr Medikamente ein“, erklärt Professor Firk. Entsprechend mehr Medikamentenreste werden auch im Abwasser landen – sofern in puncto Entsorgung kein Umdenken bei vielen Menschen stattfindet.

Keine bundeseinheitliche Regelung zur Entsorgung

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Um das zu erreichen, sind laut Firk weitere Schritte nötig. „Medikamente sollten im Hinblick auf das Umweltverhalten ihres Wirkstoffs gekennzeichnet werden“, schlägt der 69-Jährige vor. Auch eine bundesweit einheitliche Regelung zur sachgemäßen Entsorgung von Arzneimittelresten könnte seiner Meinung nach helfen.

Aktuell ist es so, dass Medikamentenreste nur dann über den Hausmüll entsorgt werden dürfen, wenn der Müll in der Kommune oder im Landkreis verbrannt wird. Auch die Rückgabe in Apotheken ist nicht überall möglich. Als dritte Option bietet sich eine Schadstoffsammelstelle an. Doch diese gibt es auch nicht in jeder Stadt. Einheitlich geht anders. Vielleicht gehen deshalb so viele Menschen den bequemen Weg bei der Medikamentenentsorgung. Den über Toilette und Spüle.