120 Teilnehmer bei Drückjagd in Waldalgesheim

Eine Bewegungsjagd mit 120 Teilnehmern will gut organisiert sein. Rechts: Revierleiter Bernhard Naujack kontrolliert die Liste der Anmeldungen.

Im Binger Wald gingen 120 Schützen auf die Jagd – nach strengen Vorgaben. Warum der Förster zur Jagd ruft und warum Schützen sogar extra aus dem Ausland kommen.

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Bingen/Waldalgesheim. Hunde, Flinten und Grellorange: Förster rufen zum großen Halali. Die Saison der Bewegungsjagden endete mit einem Großeinsatz. 120 Schützen, Hundeführer und Helfer versammelten sich in Waldalgesheim. Ein Szene-Treffen.

Rund 60 Jäger aus Holland und Belgien angereist

„Nach dem Binger Wald fahre ich in den Donnersbergkreis und dann in den Westerwald“, zählt Georg Frings, 54, auf. Der Kölner hat seit 13 Jahren den Jagdschein, aber kein eigenes Revier. Damit gehört er zur klassischen Drückjagd-Klientel. „Ich kombiniere die Jagdtour mit einer Urlaubswoche“, sagt Frings.

Das Kennenlernen deutscher Waldregionen im Flintenformat ist keine Extravaganz. „Rund 60 Jäger sind eigens aus Belgien und Holland gekommen“, sagt Organisator Bernhard Naujack. Der Waldalgesheimer Revierleiter hakt Namen auf Listen ab. Sein Team hat den Kontrollpunkt am Fußballplatz aufgebaut. Juy Lambrochts zeigt Jagdschein und Schießausweis vor – die Eintrittskarte neben Anmeldung und Paypal-Zahlung der Teilnahmegebühr.

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Naujack teilt den Belgier und den Kölner in eine von 22 Gruppen ein, angeführt von ortskundigen Jägern. Bei Streuselkuchen und Kaffee ist die Begrüßung herzlich. Stammgäste, man kennt sich.

Beate Eimer gehört zu den wenigen Frauen. Sie bläst das Jagdhorn. Signal zum Zuhören. Bernhard Naujack erklärt die strikten Regeln. Auf welches Tier in welcher Rangfolge gezielt werden darf, das ist klar festgelegt. Die Idee: Statt geduldigem Ansitz in stiller Vollmondnacht ist die Bewegungsjagd durchschlagender. Schwache Tiere haben schlechtere Karten. Wildbestände können so zielgenauer reduziert werden.

Metzger aus dem Soonwald zerlegen die Tiere

„Das Rehwild von jung nach alt“, heißt Naujacks Vorgabe. „Führende Bachen“ sollen die Schützen schonen. Wo natürliche Feinde fehlen, greift der Mensch ein. Denn die stärksten Gene sollen sich vermehren können. „Hetzhunde und aus vollen Rohren schießen, das ist nicht das Prinzip.“ Naujack betont die Verwertung des Wildfleischs als kostbares Lebensmittel. „Fleisch von hoch flüchtigen Tieren schmeckt einfach nicht“, erklärt ein Jäger. Metzger-Profis aus dem Soonwald werden die Tiere zerlegen. Die Schützen haben lediglich Vorkaufsrecht aufs Wildbret.

Zwischen 30 und 60 Tiere erlegen Jäger im Waldalgesheimer Forst an einem großen Jagdtag. Drei pro Winter und Revier setzen die Förster an. Auch im Nachbarrevier von Maximilian Roffhack sind die Drückjagden im Winter Standard, allerdings in kleinerem Format.

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Einen Vormittag lang sind die Teams im Einsatz. Ob Chris Augustin und Marco Susenburger abdrücken werden? „Du weißt am Morgen noch nicht, was Dich erwartet, das macht den Reiz aus“, sagen die Männer aus der Nähe von Simmern. Wie bei Michael Donau aus Waldböckelheim sind 20 Drückjagden pro Saison ihr Standard.

Weil zu viel Wild dem Wald schadet, rufen Forstbesitzer zum Schuss. Naturverjüngung der Baumbestände hat mit zu viel gefräßigem Wild keine Chance. Und der Wald ist durch den Trockenstress vergangener Sommer ohnehin im Krankenstand.

Jagd im deutschen Wald mit Sogwirkung bis ins Ausland

Überraschend: Die Jagd im deutschen Wald verbreitet starke Sogwirkung bis ins Ausland. Auch aus Schweden und der Schweiz reisen oft Schützen an den Rhein. Warum? „Bei uns hat nur die Elite neben Mitgliedern des Königshauses das Jagdprivileg“, erklärt ein Jäger aus Holland. Deutschland sei nicht so elitär und die Jagd fair geregelt. Der Binger Wald gilt sogar als Hirschrevier. Gebiete mit mächtigen Geweihträgern sind selten. Doch Trophäenprahlerei hat auf dem Parkplatz keinen Raum.

Zwischen November und Ende Januar ist Höhepunkt der Jagdsaison. Neben viel Organisation und Benimm-Regeln ist Sicherheit extrem wichtig. Schließlich wird mit 120 Schusswaffen auf 700 Hektar hantiert. Forstwege müssen abgesperrt werden, Warnschilder aufgestellt und Lauerplätze eingerichtet.

Wer mies zielt, Tiere schlecht trifft oder Alpha-Wild tötet, der muss nicht bloß mit Häme in der Jagdszene rechnen. „Wer sich nicht an die Vorgaben hält, ist im nächsten Jahr draußen und muss Strafe zahlen“, sagt Naujack.

Freie Plätze sind begehrt. Das „grüne Abitur“ boomt, der Jagdschein erfreut sich riesiger Beliebtheit. „Jagd ist für mich Ausgleich zur Bildschirm-Arbeit und ich kann Krisenstimmung komplett ausblenden“, fasst ein Holländer in Warnfarben-Dress sein Motiv zusammen. Im echten Leben ist der Mann Informatik-Spezialist, arbeitet für eine Versicherung hauptsächlich im Homeoffice. Das Hobby in der Natur sei der nötige Gegenpol.