Wohnen in Ingelheim: Projekt Eigenheim für viele zu teuer

Viele Bau- oder Kaufinteressierte haben ihre Pläne in die Zukunft verschoben. Gründe dafür sind die steigenden Zinsen und Verunsicherung durch Inflation und steigende Preise.

Höhere Zinsen, gestiegene Preise – viele Menschen verschieben ihre Kauf- und Bauprojekte in die Zukunft. Das beeinflusst auch die regionalen Banken. Wie ist dort aktuell die Lage?

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INGELHEIM. Den Kauf einer Wohnung oder den Bau eines Eigenheims zu finanzieren, ist deutlich teurer geworden. Das wird sich auch auf den Wohnungsmarkt in Ingelheim und in der Region insgesamt auswirken. Es wird weniger gebaut werden, deshalb werden die Mieten steigen. Die Hoffnung auf ein wachsendes Angebot von mehr bezahlbarem Wohnraum in naher Zukunft schwindet. Die dramatische Entwicklung im zu Ende gehenden Jahr hinterlässt auch bei den finanzierenden Banken Spuren. „Die Nachfrage hat seit dem Sommer deutlich nachgelassen“, berichten Jörg Brendel, im Vorstand der Sparkasse (SPK) Rhein-Nahe zuständig für den Privatkundenbereich, und Oliver Dries, Leiter der Gewerbe- und Immobiliencenter bei der Sparkasse, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Keine verlässlichen Zukunftsprognosen

Zwar sei in den ersten Monaten die Zahl der Vertragsabschlüsse noch gestiegen, dann aber wendete sich das Blatt. Was die Zukunft bringt? Niemand kann hier eine verlässliche Prognose abgeben, die Aussichten sind jedoch alles andere als rosig. „Wir haben alle keine Glaskugel, mit deren Hilfe wir in die Zukunft schauen können. Wir fahren auf Sicht und müssen jetzt erst mal über den Winter kommen“, sagt Brendel. An der Inflation werde sich vorläufig nichts ändern, und das Wachstum werde voraussichtlich deutlich zurückgehen. „Die Banken planen mit null bis zwei Prozent. In den vergangenen Jahren waren es fünf oder sechs“, erklärt das SPK-Vorstandsmitglied.

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„Noch vor knapp einem Jahr haben wir mit Privatkunden über eine Zinsbelastung von einem Prozent gesprochen, heute bieten wir unsere Topkonditionen für knapp vier Prozent an“, sagt Brendel. Im Bankenbereich spreche man von einem Zinsschock. „Als die Kunden gemerkt haben, dass die Zinsen steigen, wollten viele noch schnell eine Finanzierung festmachen. Es gab also eine Art von Gegenbewegung“, erinnert sich Oliver Dries. „In den Monaten Januar bis April kamen unsere Berater kaum nach mit den Gesprächen. Viele Interessenten haben auf ihre in der Überlegung befindlichen Projekte schnellstmöglich den Deckel drauf gemacht.“ Das erste Halbjahr war daher sogar noch von einem boomenden Geschäft geprägt, obwohl die Zinsen da schon im Steigen begriffen waren (von einem über zwei bis drei Prozent).

Allerdings mussten die Kunden aufgrund der instabilen Lage sehr viel schneller, nämlich innerhalb von zwei oder drei Tagen, eine Entscheidung treffen. Vorher hatten die Angebote eine Gültigkeit von 14 Tagen. Außerdem habe man mit dem Jahresbeginn eine „Multiprodukt-Beratung“ angeboten. Die Berater vermitteln seither den Interessenten auch einen transparenten Überblick über den kompletten Baufinanzierungsmarkt, stellen also nicht nur das eigene Modell vor, sondern auch das, was Mitbewerber anbieten. Kommt mit einem solchen ein Vertrag zustande, erhält die SPK dafür eine Provision von ihm.

Ab dem Sommer ließ die Nachfrage nach. Was sich Bau- oder Kaufinteressenten für jetzt oder den Beginn des nächsten Jahres vorgenommen hatten, wurde in die Zukunft verschoben. Grund: die weiter steigenden Zinsen sowie die wachsende Verunsicherung durch Inflation, explodierende Gas- und Strompreise und steigende Materialkosten als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine. Bei der SPK verzeichnete man nun einen Rückgang von 15 bis 20 Prozent gegenüber den Vorjahresmonaten. Immerhin: „Aufgrund des guten ersten halben Jahres werden wir noch das erreichen, was wir uns für das Jahr 2022 vorgenommen hatten“, so die beiden Sparkassen-Manager.

Energiesparen wird größere Rolle einnehmen

Eine naheliegende Frage ist jetzt auch: Wie geht man mit den Bestandskunden um, wenn zum Beispiel eine Prolongation ansteht und der Zinssatz nach oben angepasst werden muss? Oliver Dries betont: „Wir mussten noch keinem Kunden raten, er solle seine Immobilie verkaufen.“ Es ist zwar denkbar, dass die monatliche Belastung höher wird. Aber nach zehn Jahren Laufzeit sei ja schon ein gewisser Betrag getilgt, und man könne möglicherweise die Situation entschärfen, beispielsweise durch eine verlängerte Laufzeit. Brendel ergänzt: „Wir haben bisher für jeden Kunden eine Lösung gefunden.“

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Nach Einschätzung der beiden SPK-Führungskräfte werden in Zukunft das Thema Energiesparen und die Finanzierung entsprechender Investitionen eine zunehmende Rolle spielen. Dazu gehören der Bau von Fotovoltaikanlagen, Luftwärmepumpen und andere Formen der energetischen Versorgung. „Hier sind wir auch von politischen Entscheidungen abhängig“, fordert Oliver Dries entsprechendes Engagement von staatlicher Seite. Er würde sich das Wiederaufleben der Förderung von energetischer Sanierung und energieeffizienten Neubauten durch die staatliche KfW-Bank zu den Bedingungen von vor einem Jahr wünschen: „Wenn wir wirklich auf alternative Stromproduktion setzen und unsere Klimaziele erreichen wollen, müsste das wieder entsprechend unterstützt werden.“

Auch bei der Mainzer Volksbank sind „im Baufinanzierungsgeschäft die veränderten Rahmenbedingungen in Form von Zinssteigerung und Inflation spürbar“, heißt es in einer Antwort der Presseabteilung auf Anfrage dieser Zeitung. Der Zinssatz habe sich seit Jahresbeginn fast vervierfacht, aktuell sehe man eine Seitwärtsbewegung leicht unterhalb der diesjährigen Maximalzinsen.

„Bislang können wir einen moderaten Rückgang der Anfragen feststellen. In Beratung und Angebotsgestaltung haben wir uns auf die neuen Bedingungen eingestellt“, teilt Pressesprecher Martin Eich mit. Dabei suche man gemeinsam mit den Kunden individuelle Lösungen, um zum Beispiel bei einer anstehenden Prolongation gegebenenfalls die Mehrbelastung abfedern zu können. Lange Zinsbindungen und Forwarddarlehen seien bei der Absicherung einer Finanzierung weiterhin zu empfehlen. Aktuell sei bei der MVB keine erhöhte Zahl an Stornierungen, wechselbereiten Kunden oder gar an Zwangsvollstreckungen festzustellen.

Von Andreas Scherer