Gedenken an Reichsprogromnacht in Ingelheim

Gedenkfeier am Ober-Ingelheimer Synagogenplatz zur Erinnerung an die vom nationalsozialistischen Regime organisierte Reichspogromnacht vor  81 Jahren. Foto: Thomas Schmidt

Angesichts der besorgniserregenden Zunahme von Antisemitismus in Deutschland warnte Oberbürgermeister Claus davor, wegzuschauen oder Gleichgültigkeit an den Tag zu legen.

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INGELHEIM. Jedes Jahr am 9. November findet am Ober-Ingelheimer Synagogenplatz eine Gedenkfeier statt, mit der an die Reichspogromnacht 1938 erinnert wird. Im November vor 81 Jahren waren überall in Deutschland Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und Wohnungen verwüstet worden. Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. „Auch in unserer Stadt ging die böse Saat auf“, erinnerte Oberbürgermeister Ralf Claus daran, dass es auch in Ingelheim zu Übergriffen, Plünderungen und Gewalt gegen jüdische Mitbürger kam.

„Der Gedenktag ist immer auch ein Mahntag“, betonte der OB bei der Veranstaltung an der Gedenkstele, die an die zerstörte Synagoge erinnert. „Und dieses Mahnen scheint von Jahr zu Jahr nötiger zu werden“, meinte Claus mit Verweis auf die besorgniserregende Zunahme von Antisemitismus sowie die jüngsten Gewalttaten.

Rechtsextremistisches Gedankengut finde immer mehr Eingang in die Gesellschaft und vergifte das Klima, so Claus. „Hier sind wir alle gefragt.“ Es dürfe kein Wegschauen und keine Gleichgültigkeit geben, auch nicht in der Politik. Der Ingelheimer Stadtrat habe mit einer einstimmigen Resolution gegen Antisemitismus nach der Tat von Halle ein deutliches Signal gesetzt.

Für den Deutsch-Israelischen Freundeskreis (DIF) erinnerte Klaus Dürsch an das Schicksal von Renate Wertheim, die als siebenjähriges Mädchen mit ihrer Familie deportiert worden war. Während der Novemberpogrome 1938 wurde auch das Anwesen der Wertheims verwüstet und das kleine Geschäft geplündert. Am 20. September 1942 wurde die Familie abgeholt und ins Vernichtungslager gebracht. Die erhoffte Ausreise in die USA war am fehlenden Geld gescheitert. Denn anders als immer wieder behauptet, seien längst nicht alle Juden reich gewesen. „Viele Juden waren arm“, erklärte Dürsch, „das soll hier noch einmal ausdrücklich betont werden“. Die Behauptung von den „reichen Juden“ werde nicht richtiger, je öfter sie wiederholt werde. Dürsch appellierte an die Umstehenden, genau hinzuschauen, wie es den Minderheiten in unserer Gesellschaft ergehe. Das nämlich sei ein wichtiger Indikator für den Zustand der Demokratie.

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„Demokratie ist ein hohes Gut, das wir nicht einfach den Rechten überlassen dürfen“, mahnte Dieter Engelhard, Vorsitzender des „Ingelheimer Bündnisses gegen Rassismus und Gewalt“ (In-RAGE). „Hier gilt es, ein wachsames Auge zu haben.“ Dies auch im Hinblick darauf, dass Ingelheim im Jahr 2019 zweimal mit rechten Aufmärschen konfrontiert war. Unter anderem am Renate-Wertheim-Platz, den Ingelheimer Bürger vor den Rechtsextremisten schützen mussten. „Wir werden sicher noch einige Aufmärsche erleben“, so Engelhards Prognose.

Der katholische Pfarrer Christian Feuerstein beklagte, dass jüdisches Leben in unserem Land leider immer noch nicht sicher ist. Das sei „beschämend für uns alle“. Wie in jedem Jahr fand auch an diesem 9. November wieder die Reinigung der Stolpersteine statt, zu der DIF und In-RAGE aufgerufen hatten. Alle 36 Messingplatten im Stadtgebiet, mit denen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachgehalten wird, wurden poliert und mit roten Rosen und Grabkerzen flankiert. Der musikalische Beitrag zur Gedenkfeier kam in diesem Jahr von Carla Rodde und Simon Moeren von der Musikschule im Weiterbildungszentrum.