„Sjaella“ gastiert in der Budenheimer Pankratiuskirche

Das Ensemble „Sjaella“ bezauberte im Rahmen des Rheingau Musik Festivals in der Budenheimer Pankratiuskirche: Foto: hbz/Judith Wallerius

Das preisgekrönte Ensemble präsentiert Musik, die die Seele der Zuschauer erreicht. Zugabe um Zugabe wurde erbeten.

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BUDENHEIM. Die Seele, was ist das, wie lässt sie sich begreifen? Ein Rätsel, an dem sich Philosophie und Mystik seit Jahrtausenden die Zähne ausbeißen, lösen sechs junge Frauen aus Leipzig mit Musik. „Sjaella“ ist ein dem schwedischen entlehntes Kunstwort, es bedeutet Seele und weist den Weg, den das A-Cappella-Ensemble in seinen umjubelten Konzerten beschreitet: mit dem Geist der Musik in die Seele des Publikums. Am Donnerstagabend debüttierten die vielfach preisgekrönten Musikerinnen beim Rheingau-Musikfestival. Ihnen zur Seite eine zweite Debütantin im Festspielprogramm, die schmucke Budenheimer Pankratiuskirche.

Nordische Lieder in tropisch aufgewärmter Kirche, das habe schon etwas Besonderes, scherzten die Sängerinnen gegen Ende des Konzertes, kurz bevor der Applaus losbrauste und die begeisterten Zuhörer sich Zugabe um Zugabe erbaten. Kirchen und Klöster sind Aufführungsorte, die dem feinen, glasklaren Klang von „Sjaella“ atmosphärisch und akustisch den Ball zuspielen. Dass es in diesem Sommer auch hinter den dicksten Gemäuern mollig warm ist, geschenkt. Viola Blache und Marie Fenske (beide Sopran), Franziska Eberhardt (Sopran/Mezzosopran), Marie Charlotte Seidel (Mezzosopran/Alt), Luisa Klose und Helene Erben (beide Alt) eroberten sich Kirche und Publikum mit der gleichen selbstverständlichen Leichtigkeit, mit der sie die komplexen, speziell auf sie zugeschneiderten Arrangements von geistlichen und weltlichen Liedern vergangener Epochen und entfernter Kulturen durch den Raum gleiten ließen. Spirituell und meditativ war der erste Programmteil gestaltet. Von der Orgelempore eröffneten die Sängerinnen den Abend mit Hildegard von Bingens „Ave Generosa“, arrangiert von dem in New York lebenden norwegischen Komponisten Ola Gjeilo. „Da pace Domine“, das Gebet, das in der Kathedrale von Coventry täglich an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg erinnert, hat der Leiter des Gewandhauschores Gregor Meyer für „Sjaella“ in neue Töne gekleidet. Als hätte jede der sechs Frauen einen feinen Seidenfaden in der Hand, der sie mit jeder anderen verbindet und mit dem sie in gemeinsamer Kontemplation einen kunstvollen Klangteppich weben, wirken die präzise aufeinander abgestimmten Stimmen. Mit wechselnden Aufstellungen und fast schon choreographischen Formationen, erzeugten die Sängerinnen zusätzliche Tiefe und Farbe.

Als grandiose Erzählerinnen zeigten sie sich nach der Pause: Volkslieder aus dem hohen Norden und in den Zugaben aus Israel und Syrien, jeweils in Landessprache gesungen mit viel schauspielerischem Witz interpretiert. Marie Charlotte Seidl rückte mit ihrem markanten Mezzosopran die dänische Volksballade „Gadevisen“ um den Helden Svend Nordmannd in jazzige Sphären und erntete anhaltende Begeisterung. Den phonetischen Effekt, den fremde Sprachen erzeugen, der geschickte Umgang mit ausgeklügelter Polyphonie hier und berückender Schlichtheit dort, einfache Instrumente wie die Handtrommel wenn nötig, ein sicheres harmonischen Polster aus wunderschönen Stimmen für berückende Solo-Partien jeder einzelnen Sängerin, all das kam aus tiefer Seele und zielte in die Seele.