Studiengang „Regenerative Energiewirtschaft“ an TH Bingen

Martin Pudlik ist Professor für regenerative Energien. Hier ist er vor dem TH-Gebäude zu sehen. Foto: Christine Tscherner

Professor Martin Pudlik lehrt anspruchsvollen Studiengang. Die Zahl der Studenten ist allerdings eher gering.

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BÜDESHEIM. Klima-Experten sind gesuchte Fachleute. Martin Pudlik, 39, bildet sie aus. Seit 2016 unterrichtet der promovierte Fachmann „Regenerative Energiewirtschaft“ an der Binger Hochschule, ein noch relativ neues Fachgebiet, aber längst vor dem Greta-Boom eingeführt.

Greta-Boom? „Na, dann schauen wir uns die Einschreibezahlen doch einmal an“, schlägt Pudlik vor. 25 Studenten pro Jahr klingen nämlich nicht sonderlich viel. Stand Mitte Juni: elf Bewerber. Ein Run aufs Fachgebiet, um mit dem richtigen Hintergrundwissen an der Klimaschraube zu drehen, er sähe anders aus.

Fakt ist: Das Studium ist kein Zuckerschlecken. „Man muss interdisziplinär Technik, Wirtschaft und Umwelt denken können“, sagt der Prof. Gleich zum Start die Grundlagen-Prüfungen schaffen, das fällt nicht in den Schoß. Aber ab dem vierten oder fünften Semester arbeiten seine Studenten meist nebenher in Teilzeitbeschäftigung, erreichen als Bachelor bereits hohe Startgehälter.

„Ständig fragen Firmen bei mir an, ob ich ihnen einen Studenten für die Praxisphase schicken kann.“ Enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist ein Markenzeichen der TH.

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Was ein Student in Bingen für die Anpassung an den Klimawandel lernt? Pudlik nennt ein Beispiel. Vier Tage lang brüteten seine Studenten zusammen mit angehenden Architekten in der Abgeschiedenheit des Hunsrücks an einer komplett autarken Berghütte. „Da ging es um Dekarbonisierung, Formen der Energie- und Wärmebereitstellung, ob eine Sauna möglich ist und wie lang sie täglich laufen könnte.“

Bis in die Nacht wägte sein Team Varianten ab und rechnete Modelle durch. „Die 25 Leute, die bei uns pro Jahr abschließen, sind wirklich top“, lobt der Professor. Sogar an EU-weiten Projekten mit internationalen Forscherteams arbeiten Binger Studierende mit, weil Köpfe und Kapazitäten für die Energiewende fehlen.

„Die technische Entwicklung ist rasant.“ Pudlik gilt als Fachmann für die Simulation der Energiewirtschaft. Um am Ball zu bleiben, arbeitet er parallel seit 2012 am Fraunhofer Institut. Sein erster Kontakt mit der Energiewende kam für den promovierten Naturwissenschaftler im Studium. Ein Biomasse-Kraftwerk und dann eine Windkraft-Simulation weckten seine Neugier, Energieforschung wurde sein Metier.

Klar positioniert sich Martin Pudlik pro Energiewende. „Jugendliche auf der Straße erinnern uns, dass man hinter sich aufräumt.“ Der Professor ist Vater. „Wenn man ein Kind hat, überlegt man noch einmal mehr, wie die Welt in 20 oder 30 Jahren aussehen soll.“

Für den Job ist er mit Familie nach Bingen gezogen. Was die Stadt tun kann gegen den Klimawandel? LED-Umstellung sei gut, die Richtung mit Elektrobussen auch und die Bürger zum Klimawandel mit ins Boot holen ebenfalls. „Bei neuen Wohngebieten mehr von den Planern verlangen und klare Vorgaben für Energieeffizienz“, da sieht er Nachholbedarf.

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Auch könne sich jeder privat die Frage stellen, ob 140 Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen sinnvoll sind, ob Schwarzwald oder Ostsee auch Urlaubsrevier sein könnten. „Ein Flug nach New York verbraucht immerhin ein Drittel des Jahresbudgets an CO2.“

Wichtig ist dem Professor, niemandem etwas vorschreiben zu wollen, nicht zu moralisieren oder zu verbieten. „Jeder verteidigt doch, was er hat.“ Aber ohne Veränderung im Lebensstil, ohne weniger Verbrauch, wird die Energiewende nicht gelingen, sagt der Fachmann.

Was sich Professor Pudlik von Bingen wünscht? Die Hochschule könne stärker in städtische Entscheidungsprozesse eingebunden werden, das hält er für schlau. Wer Top-Experten für Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Effizienz am Standort hat, der sollte das Wissen nutzen.