O’zapft is – Brauhausgeschichte in der Weinstadt Bingen

Ende des 19. Jahrhunderts gab es neun Brauereien in Bingen – heute lockt nur noch das Oktoberfest. Eine Neubelebung der Brauhaus-Tradition wird von vielen Seiten gewünscht.

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BINGEN. D

as Oktoberfest steht vor der Tür. Bereits im fünften Jahr baut das Zollamt-Team in der Wagenausbesserungshalle eine bayrische Festlandschaft auf. Deftige Brauhaus-Gemütlichkeit hat am Rhein-Nahe-Eck eine erstaunlich lange Tradition. Der Gastro-Geschichte um Hopfen und Malz hat Petra Tabarelli vom Stadtarchiv nachgespürt – und schnell fünf Adressen gefunden. Die Wergersche Bierbrauerei startete vor über 100 Jahren zunächst an der Hasengasse, dann an der Pfarrhofstraße. Die Actienbrauerei unter Inhaber Albert Brück hatte ebenfalls in der Hasengasse ihren Sitz, die Kirschners in der Kapuzinerstraße 8 und Josef Lautensacks Bierbraukessel konnte die Archivarin bereits 1889 in den Annalen finden.

Ur-Bingern wird am ehesten noch der Felsenkeller der Familie Trautwein ein Begriff sein. Frisch gezapft in den Krug, was nebenan im Kessel gärte: So sah schon in der Jahrhundertwende Erlebnis-Gastronomie aus. Was Eisgrubbräu, der Goldene Engel oder der Paulaner-Keller zelebrieren, ist ein uraltes Konzept. Seit 1871 ist Bierbrau-Gemütlichkeit in Bingen Kult. Ein Zeitungsbericht aus dem Gründungsjahr kommentiert: „Großvater Trautwein scherte sich einen Teufel um die schlechten Zeiten. Er hatte Mut und Unternehmergeist genug, um sich gegen das Kopfschütteln der anderen durchzusetzen.“

Johann Baptist Trautwein braute nur während des Winters. Er stellte immer gerade so viel Hausmacher-Gezapftes her, dass es das Jahr hindurch für den Ausschank reichte. Ein Teil ging sogar in den „Export“. Damit war allerdings nur der Weg des Biers in Krügen nach Kempten oder Büdesheim gemeint. „Malzgeruch liegt in der Luft, Rauchschwaden quellen aus den Fensterluken.“ So schilderte der frühere Redaktionsleiter der AZ, Robert Hammer, den typischen Bierbrau-Tag der Trautweins. „Hier sitzt die Bauersfrau mit dem Handwerker und dem Kaufmann, der Beamte mit dem Arbeiter gemütlich beieinander“, notierte Redaktionsleiter Hammer den bunten Gäste-Mix. Eine wahre „Volksgaststube“ sei der Felsenkeller gewesen.

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Klar ist: Nie konnte der Gerstensaft dem Wein in Bingen den Rang streitig machen. Aber immerhin sollen Ende des 19. Jahrhunderts sogar neun Brauereien in der Stadt ihr Auskommen gefunden haben. Das Aus brachten schließlich neue Verfahren der Pasteurisierung und Haltbarkeit. Flaschenbier wurde zum Handelsgut über weite Strecken. Von den kleinen Orts- und Wirtshausbrauereien hielten nur wenige der Konkurrenz stand. Petra Tabarelli findet im Binger Adressbuch von 1954 schließlich keine einzige Brauerei mehr.

Der Felsenkeller überlebte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde dann von der Bad Kreuznacher Brauerei übernommen. Die Trautwein-Nachfahren berichten, dass die Braustätte noch bis Anfang der 1960er Jahre genutzt wurde. Das kühle Untergeschoss an der Ecke Eiscafé Rialto und Citycenter stand lange leer. In den Etagen darüber entstanden Mietwohnungen, das Ladenlokal im Erdgeschoss hatte unterschiedliche Pächter. Ein jugoslawisches Restaurant galt zuvor 25 Jahre lang als gute Adresse. Zwei Brände und häufige Mieterwechsel hatten zuletzt für Probleme gesorgt. Die Nachfahren des letzten Binger Brauhaus-Betreibers Johann-Baptist Trautwein ließen das Eckhaus mit bodentiefen Fenstern ausstatten, entfernten Klinker und künstliches Fachwerk. Ein Gastrobetreiber mit Weitsicht wäre der Wunsch der Familie, gerne ein trendiges Bierlokal.

Ebenso wartet eine Brauhaus-Neueröffnung am Neff-Platz in der Schublade. Uriges Ambiente, junge Zielgruppe: Brauhäuser mit ihren blank polierten Kupferkesseln gelten anderswo als Magnet. Zuletzt vor sechs Jahren spülte der OB-Wahlkampf die alte Idee wieder hoch. Die Parzelle an der Ecke zur Kloppgasse ist eine Baubrache, die bei der Platzgestaltung für Gastronomie vorgesehen war. Quirliges Leben am plätschernden Wasserlauf, Cafés und Restaurants mit Blick auf die Burg – so stellten sich die Planer einst den Innenstadtplatz nach dem Umbau vor.

Auch der Marketingverein BUZ warb bei Investoren für eine Neubelebung der Binger Brauhaus-Tradition. Der Entwurf sah auf 460 Quadratmetern 200 Sitzplätze auf zwei Etagen vor; die „Belle Etage“ als sonniger Biergarten, dazu im Weinkeller die sichtbaren Biertanks. Aber kein Unternehmer biss wirklich an.

Ebenfalls auf Eis liegt das „Hildegardisbräu“ in Büdesheim. Armin Mahl, vielseitiger Unternehmer aus Bacharach, wollte das ehemalige Kino und spätere Schlecker-Geschäft zu einem Brauhaus mit Kleinkunstbühne ausbauen. Spätestens Ende 2015 sollte Eröffnung sein. Die Baustelle ruht.

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Wer bierseliges Schunkeln in der Weinstadt erleben will, muss also auf die drei Wochenenden Oktoberfest im Park am Mäuseturm ausweichen. Keine so schlechte Alternative …