Nilgänse werden in Bingen zum Problem

Die Nilgänse hinterlassen ihren Kot auch auf den Liegewiesen. Foto: Christine Tscherner

Hafenpark und Park am Mäuseturm sind laut Stadtverwaltung besonders betroffen. Es gäbe bisher keine wirkungsvollen Maßnahmen, mit deren Hilfe sich die Population begrenzen ließe.

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BINGEN. „Ekelhaft“. So betitelt AZ-Leser Dr. Werner Schmitt die Hinterlassenschaft von Wasservögeln in den städtischen Parkanlagen. Was kann die Stadtverwaltung tun gegen Nilgans-Verdauung und was unternehmen andere Kommunen? Die wunderschönen und gepflegten Binger Grünanlagen schätzt Werner Schmitt sehr. Doch man müsse sich für ein Picknick auf der grünen Wiese „Schritt für Schritt durch massenhafte Hinterlassenschaften der unzähligen Enten und Gänse voran kämpfen“. Unhygienisch und auch giftig seien die Vogel-Exkremente. „Sie verleiden einem jeden genussvollen Aufenthalt“, schreibt er.

Große Gruppen auf den Wiesen

Vergrämung oder gezielter Abschuss? Das haben schon viele Kommunen vor Bingen angedacht. Denn insbesondere die große Nilganspopulation gilt als unbeliebt. Sie stammen nicht aus hiesigen Breitengraden, fühlen sich aber trotzdem pudelwohl am Rhein. Die Nilgans breitet sich rasant aus. Sie ist einen guten halben Meter groß, hat rotbräunliche Federn und einen charakteristischen braunen Fleck auf dem Auge.

Eigentlich gehört sie nach Nordafrika, hat es sich aber in Mitteleuropa gemütlich gemacht. Die Nilgans ist oft zu Schauzwecken vor allem in Holland und Großbritannien eingeführt worden. Ausgebüxte Park-Exemplare vermehrten sich. Die Gänse lassen sich gern in großen Gruppen auf Feldern und am Wasser nieder. Das ärgert allerdings nicht nur Bauern, sondern auch Picknicker. Die exotischen Gänse gelten als invasive Art. Das heißt, sie verdrängen heimische Arten, weil sie mit ihnen um Nahrung und Nistplätze konkurrieren. Die Gänse sind dabei nicht gerade zimperlich. Sogar die Europäische Union hat die Nilgans als unerwünscht im Visier. Deutschland habe also die Pflicht, gegen die Verbreitung einzuschreiten, sagen Wildtier-Ökologen. Eine Möglichkeit ist die flächendeckende Bejagung. In neun Bundesländern existiert eine Jagdzeit auf die Nilgans und sie variiert zwischen drei und sechs Monaten je nach Bundesland.

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Im Jäger-Internetforum „wild und hund“ debattieren Mitglieder bereits zur Verwertung des Nilgans-Fleisches. Auf „Kann jemand Rezepte posten?“ finden sich Antworten wie „Gans ist Gans, da ist geschmacklich kein Unterschied.“ Der Naturschutzbund dagegen schätzt die ökologische Schädlichkeit der Nilgans in Deutschland als eher gering ein. Es gebe bisher keinen eindeutigen Beleg dafür, dass sie andere Vogelarten verdrängen würde. Auch erhöhte Aggressivität sei eine Mär. Einfangen und sterilisieren ist bei Vögeln wohl viel zu aufwändig. Verscheuchen gelingt nicht immer. Die Binger Stadtverwaltung hat die Nilgans-Population als Problem erkannt. Hafenpark und Park am Mäuseturm seien besonders betroffen, schreibt Christiane Spira von der städtischen Pressestelle. Die „Hinterlassenschaften“ der schweren Vögel würden beseitigt. „Gartenamtsmitarbeiter erledigen das im Rahmen ihrer normalen Routinerunden mit Kehrmaschine und bei Mäharbeiten“, schreibt Spira.

Leider gäbe es bisher keine wirkungsvollen Maßnahmen, mit deren Hilfe sich diese Tierart begrenzen ließe. „Das Garten- und Friedhofsamt beobachtet die Vorgehensweise und Versuche anderer Kommunen und die Fachpresse“, so Spira. Kot auf den Liege- und Fußballwiesen ohne Waffengewalt eindämmen, das war auch Ziel im Frankfurter Ostpark. Nach langen Debatten ersannen Umweltdezernat und Vogelschutzwarte daher einen sogenannten Gänsezaun. Dessen Testphase verlief im vorigen Jahr nach Auffassung der Fachleute so erfolgversprechend, dass 2019 eine Gänsehecke das Provisorium ersetzt. Um einen Zaun, 400 Meter lang und 60 Zentimeter hoch, soll Rosmarin-Weide ranken. Samt Kaninchenfraßschutzzaun und Kampfmittelräumdienst-Sondierung kostete das knapp 48 000 Euro. Plus 5000 Euro für die jährliche Pflege nicht zu vergessen. Die Sichtschutzhecke soll den Gänsen die Lust auf den Weiher nehmen und damit auch auf das Wiesengelände drumherum.

Seit den 80er Jahren ist ein Bestandszuwachs, seit den 90er Jahren eine Arealausweitung der Nilgänse festzustellen. Der europäische Bestand wird auf über 26 000 Brutpaare geschätzt. Nilgänse brüten in Afrika einmal, in Mitteleuropa bis zu dreimal pro Jahr. Ob die Vermehrung ein Problem für heimische Arten bedeutet, darüber streiten sich die Experten. „Mitbürger, die diese Tiere auch noch füttern, sollten streng bestraft werden“, schlägt AZ-Leser Werner Schmitt als erste Maßnahme vor.