Neuerungen bei der Rochuswallfahrt in Bingen

Stadtpfarrer Markus Lerchl hält erstmals die organisatorischen Zügel der Rochusoktav in der Hand. Novum: Ein Dreiergespann übernimmt die Predigten. Foto: Christine Tscherner

Gab es bislang nur einen Oktavprediger, sind es in diesem Jahr drei. Der neue Stadtpfarrer Markus Lerchl hält organisatorisch die Fäden in der Hand.

Anzeige

BINGEN. Der neue Stadtpfarrer als Organisator, drei Oktavprediger statt einem und Hundeweihe beim Festamt – bei aller Tradition kommt die 353. Rochuswallfahrt mit Neuerungen daher. Die AZ sprach mit dem im Mai angetretenen Pfarrer Markus Lerchl über Zielgruppen, junge Prediger und die Suche nach Kraftquellen.

Was elf unterschiedliche Predigten zu einem Leitwort bedeuten, das erfuhr Lerchl vor fünf Jahren am eigenen Leib. „Ich wurde erst einmal blass, als ich die Folgen meiner Zusage zur Rochusoktav realisiert hatte.“ Einerseits für tägliche Besucher aufeinander aufbauend, andererseits für Ein-Tages-Wallfahrer als echter Mehrwert konzipiert – so sieht die Mission einer Oktavpredigt aus. Kein leichter Job. „Zumal Wallfahrer ausgesprochen aufmerksame Zuhörer sind.“

Die Vorbereitung schafft kein Gemeinde-Geistlicher mal locker nebenher. Oktavprediger stehen deshalb nicht gerade Schlange. Bitten und Schmeicheln haben ihre Grenze, der Zeitdruck kam hinzu. Lerchl hatte mit dem Papst-Interview von Thomas Leoncini „Gott ist jung“ und der Jugendsynode in Rom ein Motto im Kopf.

In Matthias Berger als Diözesan-Jugendseelsorger fand er den passenden Mann. „Er bot mir fünf Predigten an“, berichtet Lerchl. Beide suchten weiter im Umfeld von Jugendseelsorgern und erhielten schließlich von Pfarrer Markus Metzler sowie Pfarrer Daniel Kretsch, Diözesankurant der St. Georg Pfadfinderschaft, die Zusage.

Anzeige

So tritt erstmals ein Predigerteam am Außenaltar der Rochuskapelle an. Alle sind jünger als üblich, ziemlich passend zur tragenden Idee „Junge Menschen in den Spuren Gottes“.

„Ich bin wirklich sehr froh über gewachsene Binger Strukturen und stelle nicht alles auf den Kopf“, sagt Lerchl. In der letzten Verantwortung beim Rochusfest mit tausenden Wallfahrern zu sein, ja, das sei herausfordernd. Positiv herausfordernd. Der Mainzer Bischof hat sich für dieses Mal übrigens nicht zum Pilger-Fußmarsch angekündigt. „Dass er sich im Vorjahr den Berg hoch fahren ließ, das kam wohl nicht so gut bei den Bingern an“, weiß der Stadtpfarrer. Puristen legen Laufen als Gelübde fest und Fahren nur für Fußlahme.

In seinem Startjahr will Lerchl als organisatorischer Kopf erst einmal ankommen. „Gut, dass ich das Fest wenigstens als Prediger einmal erlebt habe.“ So ist wenigstens der Ablauf kein Neuland. Aber neue Gesichter sind oft Chance zur Veränderung.

Dass Lerchl die Segnung der Malteser-Hunde an den Schluss des Eröffnungsgottesdienstes rückt, ist ein neuer Baustein. Rochus wurde oft mit Hund in Heiligenbildern dargestellt. „Und ein wenig Werbung für die engagierten Mensch-Hund-Duos der Malteser darf gern sein.“

Im nächsten Jahr stehen einige Jubiläen auf dem Rochusberg an. Da will Lerchl auch Stellschrauben am Oktav-Programm drehen. Vielleicht mehr Internationalität einpflegen, kirchliche Kindergärten der Stadt einbinden, Familien schlauer ansprechen – Ideen reifen. Der Gemeindepfarrer für Bingen, Kempten und Gaulsheim weiß: Die Zuhörer vor der Rochuskapelle sind alt. Obwohl gerade Themen wie der Erhalt der Schöpfung Jugend massiv umtreibt. „Als wir den Binger Schöpfungstag am 6. September besprochen haben, da war die Basilika für mich ganz klar der richtige Ort“, sagt der Stadtpfarrer.

Anzeige

„Die Jungen demonstrieren an Fridays for Future, die Alten an Fronleichnam, aber beide Gruppen finden nicht zueinander“, zitiert er aus der Planungsrunde. Auch Lerchl hat kein Patentrezept, damit mehr Jugend in der Kirche wieder ihre Heimat sieht.

Und selbstkritisch: „Ja, ein Pilgeramt werktags um 9.30 Uhr ist nicht für Berufstätige oder Schüler geeignet.“ Aber insbesondere die Freiluft-Atmosphäre macht Reinschnuppern leicht. Da bleibt ein Jogger mal zur Predigt stehen, lauschen Eltern, solange das Baby ruhig ist und Kinder fasziniert dem Ritual folgen. „Wir haben ein echtes Sinnangebot, das wir stärker in den Vordergrund rücken müssen“, sagt Lerchl. Denn die Sehnsucht nach Kraftquellen ist groß. Das Motto „Gott ist jung“ will sensibilisieren, will einladen. „Wenn auch Jüngere auf den Rochusberg kommen würden, das wäre wirklich schön.“