Mit 81 Jahren an der TH Bingen zweites Examen hingelegt

Reinhard Winter an seinem Zeichentisch.Foto: Christine Tscherner  Foto: Christine Tscherner

60-Jährige lernen Spanisch, üben Tangotanzen mit 70 oder nehmen mit 80 Klavierstunden. Exotisch sind Senioren auch in Hörsälen nicht mehr. Lebenslanges Lernen hält laut...

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BINGEN. 60-Jährige lernen Spanisch, üben Tangotanzen mit 70 oder nehmen mit 80 Klavierstunden. Exotisch sind Senioren auch in Hörsälen nicht mehr. Lebenslanges Lernen hält laut Studien Hirnwindungen geschmeidig. Reinhard Winter toppt die Liste: Der 81-jährige Freiberufler hält frisch seinen Master in Energie- und Betriebsmanagement in Händen.

„Wahrscheinlich bin ich sogar der älteste Absolvent im Land.“ Drei Jahre Arbeit stecken in dem Hochschulabschluss. Nebenberuflich wohlgemerkt, denn im Dachgeschoss seiner Ingelheimer Wohnung betreibt der selbstständige Ingenieur ein Planungsbüro. „Eine 40-Stunden-Woche kommt schon noch zusammen“, sagt der Senior-Absolvent. Im Vergleich zu früher sei das wenig.

Morgens nach dem Frühstück mit seiner Partnerin, spätestens um kurz nach acht Uhr sitzt Reinhard Winter in seiner Kreativzone, zeichnet Querschnitte und tüftelt an Umbauten.

„Meine Kunden sind meist die zweite oder dritte Generation in Häusern, die ich einmal geplant habe.“ Arbeiten, weil er es kann – das sieht Winter als großes Geschenk. „Mein Beruf begeistert mich, da schaue ich nicht auf die Uhr.“ Sich in komplexe Materie hineinvertiefen, das bereitet ihm schlichtweg Freude.

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Warum er nicht Kunstgeschichte oder Psychologie wie so mancher Seniorstudent wählte? „Energiefragen spielen im Planungsberuf eine immer größere Rolle.“ Er wollte schließlich berufliche Weiterbildung und modernes Ingenieurwissen, keinen Zeitvertreib.

Schon immer hinterfrage er gern. „Das unterscheidet meine Generation vielleicht am meisten von Jüngeren.“ Reinhard Winter hat den Vergleich. Denn seine Kommilitonen im Weiterbildungsstudiengang waren zwar keine 20-Jährigen, aber dennoch schlappe fünf Jahrzehnte jünger. „Aber mit dem Altersunterschied hatte ich kein Problem.“ Blockunterricht am Wochenende sei ohnehin anderes Lernen als Vollzeit unter der Woche.

Der Binger Studiengang richtet sich an Praktiker mit Berufserfahrung. Und davon hat Reinhard Winter eine ganze Menge: In der ehemaligen DDR war er Betriebsschlosser für Lokomotiven, flüchtete in den Westen, arbeitete als Werkzeugschleifer, besuchte die Fachschule als Metallgestalter, verdiente sein Geld als Prüffeldtechniker und technischer Zeichner.

Hochschulluft schnupperte er 1958 zum ersten Mal in West-Berlin. Den Abschluss erwarb er in Bingen. „Seitdem habe ich die Binger Hochschule in guter Erinnerung“, lobt er. Das Maschinenbau-Diplom hat Reinhard Winter seit 1964 in der Tasche. Er arbeitete bei Opel als Teile-Konstrukteur, bei Bosch und zuletzt als Angestellter bei Richtberg in der technischen Geschäftsleitung. Seit 50 Jahren ist er inzwischen selbstständig.

„In einem Binger Hinterhof habe ich mit einem Büro angefangen.“ Sein Team wuchs auf zehn Angestellte, zog von Privaträumen in eine Etage des Karstadt-Hauses und schließlich in eine renovierte Mühle im Soonwald. „Rund 1000 Objekte von der Tiefgarage bis zu großen Häusern habe ich im Laufe der Jahrzehnte geplant.“

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Vollgas, während sich andere aufs Altenteil zurückziehen

Zu Großaufträgen zählten die Rheinvertiefung am Binger Loch und der Aufbau-Ost nach dem Mauerfall. Die Architektenkammer nahm den Ingenieur auf. Statische Berechnungen, Gewerbebau, Wohnungs- und Landschaftsplanung sind bis heute sein Metier.

Während seine früheren Kommilitonen sich allmählich aufs Altenteil zurückzogen, gab Winter Vollgas. Erst vor wenigen Jahren warf er Ballast ab. Er ordnete sich neu, schrumpfte zum Ein-Mann-Betrieb, verkaufte Immobilien und zog mit der Lebenspartnerin nach Ingelheim. „Plötzlich war ganz viel Platz für Neues“, sagt er.

Und weil er mit der Binger Technischen Hochschule gute Erfahrungen gesammelt hatte und Energiefragen ihn brennend interessierten, schrieb er sich ein. Zum zweiten Mal im Leben.

„Bei Themen wie Personalführung war mir allerdings die Note egal, das Kapitel liegt hinter mir.“ Neue Kapitel könnten durchaus hinzukommen. „Nur wir in Deutschland haben den Mut zum Atom-Ausstieg in ganz Europa.“ Er sieht Chancen, schmiedet Pläne. Aufwind-Kraftwerke mit CO2-Rückgewinnung könnten in stillgelegten Kühltürmen entstehen. Nur eine Vision oder gar Potenzial für eine Patent-Anmeldung? „Mal sehen, da lasse ich mir Zeit.“ Tattergreis und Schaukelstuhl dürfen gern warten.

Dingen auf den Grund gehen, das sei keine Altersfrage, sondern eine Lebenseinstellung, sagt der frisch gebackene Master of Engeneering. „Na klar, kommt der Titel aufs Klingelschild.“ So viel Stolz auf Leistung darf sein ...