Mehr als Rheinromantik

Manfred Beller stellte sein Buch in der Buchhandlung Schweikhard vor. Foto: Sören Heim

Der emeritierte Binger Professor Manfred Beller hat sein Buch „Rheinblicke“ präsentiert. Darin geht es um das Leben am und auf dem Fluss, um Geschichte und berühmte Touristen.

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BINGEN. „Rheinblicke“ heißt das neue Buch des emeritierten Binger Professors Dr. Manfred Beller, der lange Zeit als Germanist an der Universität von Pavia tätig war. In tiefem Blau gehalten ruft der etwa 200-seitige Band auf den ersten Blick Assoziationen an den Rhein hervor. Ein Rheinblick ziert auch das Cover: Von Burg Klopp schaut der Leser in Richtung Binger Loch auf Basilika, Mäuseturm und Burg Ehrenfels. Offenkundig ein Buch, das um die Heimatstadt Bellers kreist – doch längst nicht ausschließlich. Immer im Mittelpunkt: der Rhein. Sein Fließen nicht nur durch das Land, sondern auch durch die Geschichte. Und seine Anwohner: berühmte und heute fast vergessene.

Einen ganzen Aufsatz etwa widmet Beller dem wahrscheinlich bis heute berühmtesten Binger Gast, Johann Wolfgang von Goethe. Ausgehend von der biographischen Erzählung „Das St. Rochusfest zu Bingen“ lenkt Beller den Blick auf die sogenannte „Breccie vom Rochusberg“, den exponiert am Ortseingang von Bingen-Kempten stehenden Felsen, der Goethes geologisches Interesse weckte. Dabei zeigt Beller anhand von Tagebuchnotizen, dass nicht etwa das Rochusfest, sondern die Geologie im Zentrum von Goethes Reise stand.

Auch ein anderer berühmter Literat hat den Weg nach Bingen gefunden, wovon eine Büste nahe dem Rhein-Nahe-Eck spricht. Victor Hugo passierte auf seiner Rheinreise auch Bingen und das Mittelrheintal und kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Beller allerdings liefert nicht einfach eine Zusammenfassung der von Hugo selbst ausführlich dokumentierten Reise, sondern arbeitet die Bedeutung des Stromes für die Formierung eines romantischen französischen Nationalgefühls heraus. Damit schließt er nahtlos an die Eröffnung des Buches an, die unter der Fragestellung „Wem gehört der Rhein?“ die wechselhafte Geschichte des Flusses von der Antike bis heute in den Blick rückt, der mit der Bezeichnung „Fluss der Deutschen“ nur sehr unzureichend beschrieben ist.

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Auch in anderen Zeiten waren Grenzen am Rhein fragwürdig, wie etwa die Untersuchungen zu in Bingen ansässigen Familienmitgliedern der Brentanos zeigen. Deren Integrationsgeschichte am Rhein zeichnet Beller anhand historischer Dokumente nach. Der heute weitgehend vergessene Mainzer Dichter Georg Christian Braun hat in zwei epischen Gedichten in klassischen Hexametern den Rhein geistig bereist und rückt aus der Perspektive der Romantik und des Biedermeiers das Leben auf und zu beiden Seiten des Flusses in den Blick.

Die Entstehungsgeschichte seines Buches sei schnell abgehandelt, schreibt der Autor im Vorwort. Einige Artikel hätten bereits für eine andere Publikation auf Englisch vorgelegen. Aber spricht man ein wenig mit Beller, kommt er doch ins Erzählen: „Ich habe einfach mal wieder etwas auf Deutsch schreiben wollen. In der internationalen Wissenschaft ist die Sprache ja Englisch. Und wenn man dann eben emeritiert ist, überlegt man: Welches Thema läge näher als die Heimat, Bingen, der Rhein?” So viele Bücher gebe es nämlich gar nicht, die nicht einfach Mythen reproduzierten oder touristisch ausgerichtet seien. Er dagegen habe den Rhein in den Mittelpunkt stellen worden, sozusagen aus seiner Perspektive geschrieben, sagt Beller. Rheinromantik werden genaue Quellenstudien und Textexegesen entgegengestellt. Unterstützung bekam Beller dabei aus dem Stadtarchiv von Petra Tabarelli und Dr. Matthias Schmandt.