Mädchenschule ausgebrannt

„Unsere neuorganisierte Freiwillige Feuerwehr bestand heute die Feuerprobe und zwar, sagen wir es gleich, sie bestand diese glänzend.“ So begann der Kommentator des Rhein-...

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BINGEN. „Unsere neuorganisierte Freiwillige Feuerwehr bestand heute die Feuerprobe und zwar, sagen wir es gleich, sie bestand diese glänzend.“ So begann der Kommentator des Rhein- und Nahe-Boten am 7. Januar 1893 seine Berichterstattung zu Brand und Löscheinsatz am Institut St. Mariä, der Mädchenschule der Englischen Fräulein im Gundlach’schen Haus in der Binger Laurenzigasse. Das heutige Interesse am damaligen Geschehen dürfte gleichermaßen in der lokalen Schul-, Feuerwehr- und Technikgeschichte liegen. Daraus ergibt sich die Gliederung der folgenden Betrachtung.

Die Mädchenschule des katholischen Bingen

Die ersten Spuren der heutigen Hildegardisschule sind in den 1830ern verwischt. Greifbar werden die Weinand’schen und Weidenbach’schen Mädchenschulen erst bei der Übergabe an den späteren Hofrat Anton Joseph Weidenbach (1809-1871) im Jahr 1849. Bei seinem Umzug nach Wiesbaden überließ er das Schulhaus in der Kapuzinergasse samt besten Empfehlungen an die Schülerinnen den Englischen Fräulein, die von Mainz aus eine weitere Höhere Töchterschule in Rheinhessen mit Lehrerinnen ausstatten konnten. Das genaue Datum für den Umzug in das Gundlach’sche Haus fehlt indes. Durch den Brand standen die Schwestern wie die Schülerinnen vor der Frage, wie weiterhin Wohn- und Unterrichtsräume gefunden werden konnten.

In der modernen Katastrophenforschung hat der ursprünglich aus den Ingenieurwissenschaften stammende Begriff der Resilienz seinen Platz gefunden. Er beschreibt, bis zu welchem Grad ein soziales System in der Lage ist, schwere Schäden abzufedern. Hier lässt sich der Begriff zunächst mustergültig am katholischen Bingen zeigen, dass einst ein reichhaltiges Vereinsleben mit hohem Immobilienvermögen hervorgebracht hatte. Nachdem das Gundlach’sche Haus durch die Brandschäden nicht mehr bewohnbar war, griff als Erstes die Solidarität zwischen den Orden: Die fünf Maria Ward-Schwestern zogen zu den Borromäerinnen, deren Wohnräume unmittelbar am Krankenhaus angelehnt waren.

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Daneben gab es von der Familie Franz Lothar Geromonts ein weitgehendes privates Entgegenkommen, als er den Schwestern mittelfristig Räume in seinem Wohnhaus anbot und somit die zusätzliche Belegung im Krankenhaus minderte.

Der Unterricht fand seinen Platz im katholischen Vereinshaus, bis das Gundlach’sche Haus wieder aufgebaut und hergerichtet war. Damit blieb für den Orden als letzter Schaden noch die Schuldenlast für die Instandsetzungsarbeiten, weil die Feuerversicherung nicht den notwendigen Betrag für den Quasi-Neubau deckte.

Die weitere Immobiliengeschichte der Institution liegt vielfach dokumentiert vor: 20 Jahre nach dem Brand sorgte die Raumnot aufgrund der gewachsenen Schülerinnenzahl für den Umzug an den heutigen Standort der Hildegardisschule in der Holzhauserstraße, wo die beiden Häuser „Maria Ward“ und „Peter Faber-Haus“ (aktuelle Bezeichnungen) im Mai 1913 eingeweiht wurden.

Daneben darf noch der Gedanke als reizvoll gelten, wie Bingen damit umgegangen wäre, wenn sich die Maria Ward-Schwestern nach dem Verlust ihres Schulhauses wegen des unüberschaubaren Finanzbedarfs nach Mainz zurückgezogen hätten. Dazu ist es notwendig, zu betonen, dass Mädchenschulen damals keine amtlich anerkannt qualifizierenden Abschlüsse vergeben konnten. Das heißt, es gab zwar für die Schulen in staatlicher Trägerschaft Lehrpläne, an die sich die privaten Schulen auch anlehnten, aber grundsätzlich war Mädchenbildung weniger Investition in die künftige berufliche Tätigkeit als vertrauensvolle Arbeitsteilung in der religiösen und bürgerlichen Sozialisation. Töchter aus den bürgerlichen Familien, die ihre Kinder auf die Höheren Töchterschulen schickten, waren üblicherweise nicht diejenigen, von denen später eine Erwerbsbiografie erwartet wurde.

Der Einsatz der Feuerwehr

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Vor diesem Hintergrund hätten sich die Eltern der Maria Ward-Schülerinnen erneut vor die Wahl einer Schule gestellt gesehen. Sinnvolle Optionen hätten in der Kreuznacher Mädchenschule (heute Lina-Hilger-Gymnasium), in der Schule der Schwestern Laukens (später Städtische Mädchenschule in der Rochusstraße) sowie im Sobernheimschen Institut bestanden. Folglich hätte selbst dann, wenn das katholische Bingen den Ausfall des Schulgebäudes nicht kompensiert hätte, noch ein ziviles System die nötige Resilienz gezeigt. Dass vermutlich eines der Binger Institute durch das verstärkte Schülerinnenaufkommen zu einem Neubau gezwungen worden wäre, stellt wohl die zulässige Grenze der hier angestellten Spekulation dar.

Als ursprünglicher Brandherd kommt ein Balken in der Nähe des Schornsteins in Betracht. Ein Dienstmädchen entdeckte den Brand in den frühen Morgenstunden des 6. Januar, als sie eine der Ofenheizungen in Betrieb nehmen wollte und die Stube voller Rauch fand. Zu dem Zeitpunkt stand allerdings schon der Dachstuhl in Flammen.

Es folgten alle Varianten von Friktionen, bis der Feuerwehreinsatz zielführend einwirken konnte. Zunächst versagte die Alarmierung: Zwar hatten die Schwestern in ihrem Schulhaus ein Oratorium mit Verbindung zur Kapuzinerkirche, deren Glocken auch schnell Alarm schlugen. Auch die Rathausglocken übernahmen das Signal und meldeten weiter. Jedoch bilanzierte die Zeitung nachträglich, dass sich diese Glocken nicht für eine wirksame Alarmierung eigneten: Die Binger waren zu sehr an das regelmäßige Glockengeläut gewöhnt, als dass sie von den verhältnismäßig kleinen Glocken zuverlässig geweckt worden wären. Erst als die Signalmelder der Feuerwehr (damals keine elektronischen Geräte, sondern Trompeter) die Glockensignale bemerkten und weitermeldeten, konnte die Feuerwehr in ausreichender Mannschaftsstärke anrücken.

Bis dahin hatte sich der Brand allerdings zu einem Risikoszenario entwickelt, welches das eingangs zitierte Lob der Lokalzeitung verständlicherweise rechtfertigt. Zunächst bestand noch das Problem, dass die Hydrantenleitungen zum Teil vereist waren, sodass die Floriansjünger erst einmal um verfügbare Zuleitungen kämpfen mussten.

Den Verlauf des Löschangriffs zeigen zwei Zeichnungen, die Johann Baptist Hilsdorf (1835-1918) für die Zeitung anfertigte. Die „Schlauchführer“, nach heutiger Bezeichnung die Angriffstrupps, führten schnell von allen Seiten Wasser zu. Dabei galt es im Wesentlichen, die drohende Ausbreitung auf angrenzende Häuser zu verhindern. Ganz offensichtlich, so belegt eines der Bilder, führte die Feuerwehr auch einen der Schläuche durch Hilsdorfs angrenzendes Wohnhaus, um das Feuer im Dachstuhl des Gundlach’schen Hauses wirksam erreichen zu können.

Auch an anderer Stelle mussten die Angriffstrupps erfinderisch vorgehen und entweder von Mauervorsprüngen oder Leitern aus löschen, um letztlich nach anderthalb Stunden die Flammen unter Kontrolle zu haben. Eines der Bilder zeigt auch, dass die Arbeit eines Maschinisten damals zu den schweißtreibendsten Aufgaben überhaupt gehörte, da sie jeden Liter Wasser per Hand nach oben pumpen mussten. Bei 90 Minuten Einsatzzeit bedurfte es hier selbstredend einer erheblichen Personalstärke, um den Brand erfolgreich unter Kontrolle zu bringen. Wenngleich nicht mehr bekannt ist, worin die eingangs zitierte „Neuorganisation“ der Feuerwehr bestanden hatte: Mobilisierung und Arbeitsteilung funktionierten nachweislich vorzüglich. Die Rhein- und Nahe-Boten zeigten wegen des hohen Aufwands gewöhnlich keine Bilder. Und erst recht keine mit aktuellem Bezug, die eigens für genau eine Lokalzeitung hergestellt worden waren.

Der Bildberichterstatter: Johann Baptist Hilsdorf

Im vorliegenden Beispiel trafen jedoch mehrere Voraussetzungen zusammen, die eine ganz frühe Bildberichterstattung ermöglichten. Dabei war J. B. Hilsdorf kein Vorgänger der heutigen Handy-Gaffer, die Feuerwehreinsätze behinderten. Ganz im Gegenteil: 1861 als erster Fotograf nach Bingen gekommen, gehörte er drei Jahre später zu den Gründungsmitgliedern der Binger Feuerwehr. Und dort hatte er nicht nur die lange aktive Dienstzeit, sondern auch 1889 das herausragende Verdienst, dass er beim Brand der (alten) Rochuskapelle persönlich das Rochusbild rettete, das nach einem Entwurf Goethes ausgeführt war und zum besonderen Inventar von Wallfahrt und Kapelle des hl. Rochus gehörte. Ein Innenangriff zu einem Zeitpunkt, zu dem die Feuerwehren noch gar nicht über handhabungssichere Pressluftatmer verfügten, war immer mit der Gefahr des Erstickungstods verbunden, sei es durch die einsetzende Bewusstlosigkeit wegen der Kohlenmonoxidexposition oder als Folge einer Rauchgasvergiftung. Im Grunde wundert es, dass nach Goethe und Rochus jeweils zwei Binger Straßen benannt wurden (frühere Goethestraße: heute Schulhof der Hildegardisschule), aber 100 Jahre nach seinem Tod noch keine Straße den Namen Hilsdorfs trägt, was er schon vor 100 Jahren verdient hätte.

Als unmittelbarer Anrainer des Brands in der Mädchenschule konnte Hilsdorf offenbar einen Balkon seines Wohn- und Geschäftshauses zur Verfügung stellen. Er hat es nicht dazugeschrieben, aber die Frage drängt sich auf: Steht er selbst als Schlauchführer im Bild auf seinem Balkon? Es wäre ihm zuzutrauen. Auf jeden Fall konnte er als Feuerwehrfachmann den Einsatz professionell rekonstruieren und zwei Phasen identifizieren, die vielsagende Bildperspektiven widerspiegeln. Mit seinem Fotoapparat hätte er unterdessen in der Situation nicht viel ausrichten können: Beim Brand an einem Wintermorgen hätte sich keine einsatzfähige Belichtungszeit gefunden, die einerseits kurz genug gewesen wäre, um ausreichend die Umrisse abzubilden, andererseits aber nicht viel zu lange, um Flammen oder arbeitende Feuerwehrkameraden einzufangen.

Von Tobias S. Schmuck