Gefahren erkennen ist sein oberstes Ziel

Kurt Knittel (l.) und Wasserbau-Ingenieur Alexander Kiefer an der Hintergasse in Oberheimbach. Starkregen verwandelte den Heimbach in einen reißenden Strom, zerstörte zwei Häuser im Rücken der Experten. Foto: Christine Tscherner

Wasserbau-Ingenieur Kurt Knittel aus Bingen-Büdesheim plant Rückhaltebecken, Schutzmauern und Pumpstationen.

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OBERHEIMBACH/BÜDESHEIM. „Dort über dem Prallhang, da sind die Häuser gefährdet.“ Kurt Knittel, 69, zeigt auf eine steile Böschung in Oberheimbach. Darunter plätschert handzahm ein kleiner Bach, der Heimbach. Dicht an seinem Ufer standen einmal zwei Wohnhäuser. Sie wurden abgerissen. Sturzfluten hatten sie zerstört. Für Knittel, den erfahrenen Wasserbau-Ingenieur, ist der Treffpunkt der optimale Ort. Optimal, um den Zusammenhang von Klimawandel und vollen Auftragsbüchern zu demonstrieren.

„In den vergangenen zwei Jahren hatten wir so viele Anfragen, dass wir ablehnen mussten.“ Spezialwissen ist gefragt wie nie. Starkregen lässt unscheinbare Bäche vor allem in steilen Kerbtälern wie am Mittelrhein anschwellen – häufiger als üblich schwappt das Wasser in Häuser, reißend, zerstörerisch.

Das Büro, für das Knittel seit 25 Jahren als Chef arbeitet, wurde 1980 von seinem Vorgänger gegründet. Die Planung von Rückhaltebecken, Schutzmauern, Pumpstationen oder stabilen Prallhängen ist sein Job. „Aber vor allem geht es um Vorsorge-Konzepte.“ Wissen, wo die Gefahrenstellen sind, das sei immer der erste Schritt.

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„Mähgut und Holz nicht direkt am Bachlauf lagern, das ist eine ganz simple Vorbeugung gegen verstopfte Engpässe.“ Der Büdesheimer Knittel deutet auf die Brücke als Durchlass des Bachs. „Das Bewusstsein bei Bürgermeistern ist durch die Starkregen der vergangenen zwei Jahre enorm geweckt worden.“ Früher sei schnell abgewunken worden. Passiert ja nur alle Schaltjahre? Von wegen.

Knittels Thema rückt mit veränderten Naturgewalten stärker ins Blickfeld. „Meine Eltern haben als Kohlenhändler von kalten Wintern profitiert, ich bin Hochwasser-Profiteur.“ Konkret erinnert sich der Ingenieur an Bürgergespräche von Anwohnern des Appelbachs. „Ein Ortstermin hatte fast keine Zuhörer, weil das letzte Hochwasser bereits lange zurücklag.“ Wenige Tage später bescherte ein Starkregen seinem Team im Nachbarort rund 200 Interessierte.

„Großwetterlagen werden stationärer“, beobachtet Knittel. Intensivere Starkregenereignisse führen vermehrt zu Schäden. „Anwohner verdrängen die Gefahr gern“, sagt Knittel – ohne Vorwurf. Seine Konjunktur ist eben an die Natur gekoppelt. „Trotzdem freue ich mich nicht über Zerstörungen.“ Doch sie rütteln wach.

Und Bewusstwerden der Gefahr sei der erste und eigentlich wichtigste Schritt. „In der Verbandsgemeinde Rhein-Nahe haben wir für jedes Kerbtal Workshops mit den Bewohnern angesetzt.“ Vorsorgekonzepte gilt es zu erstellen. „Nicht überall wäre mit großen Rückhaltebecken das Problem gelöst.“ In den engen Seitentälern des Rheins ist schlichtweg kein Platz. Und eine 30 Meter hohe Schutzmauer oberhalb der Ortslage wäre nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein optischer Fauxpas.

Im Heimbachtal bleiben dem Bach zwischen der Bebauung teilweise nur 1,5 Meter. „Dass hier so nah ans Wasser herangebaut wurde, das ist die eigentliche Ursache.“ Treibgutfänge vor dem Dorf können Hilfen sein, größere Durchlässe an Engstellen auch und das genaue Wissen um die Fließwege des Wassers sowieso. „Manchmal lässt sich die Schussrichtung um den Ortskern sogar herumleiten.“

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Denn: „50 Prozent aller Hochwasserschäden kommt in Deutschland von hinten.“ Und anders als bei Flusshochwassern kommt die Sturzflut ohne Vorwarnzeit. Meist vergehen zwei Jahre vom ersten Gespräch mit der Gemeinde bis zum Baggereinsatz. Bürgergespräche, Termine vor Ort, Konzepterstellung und wasserbauliche Genehmigungen brauchen eben Zeit.

Objektschutz heißt Knittels Appell an Hausbesitzer, wenn mit der einen großen Baumaßnahme für das Dorf nichts auszurichten ist. Jeder Bürger sei verpflichtet, sich selbst zu schützen. „Manchmal reicht es schon, die Lichtschächte des Kellers zu erhöhen.“ Die Empfehlung des Experten: Eine Elementarversicherung abschließen und die übliche Kellerinstallation von Stromverteiler und Heizung lieber unters Dach verlegen. Auch ein Blick auf öffentlich einsehbare Gefahrenkarten sei schlau. „Damit kann jeder Hauseigentümer das Gefahrenpotenzial sehr genau beurteilen.“ Landwirtschaftliche Spezialkarten geben Rat. „Durch längs gepflanzte Rebzeilen rauscht das Wasser mit Erosion als Folge.“ Ohnehin sind mitgeführte Matsch- und Geröllmassen meist schlimmer als Wasser pur.

Kurt Knittel gehört mit seinem Spezialistenwissen zu den Gewinnern des Klimawandels. Das Aktionsgebiet des Ingenieurbüros liegt im 100-Kilometer-Radius. Vier Ingenieure und ein Zeichner arbeiten für den Büdesheimer. Städte wie Wiesbaden, Offenbach, Frankfurt, Stromberg oder Andernach sind Auftraggeber.

Auch die Sanierung des schlimm verwüsteten Morgenbachtals im Binger Wald hat Kurt Knittel geplant. Wo die Wasserwucht im Frühsommer 2016 Wege überspülte und Baumstämme mitriss, schützen erste Metallgitterkörbe den Prallhang. Böschungen wurden abgetragen, der Weg aufgeschüttet, verdichtet und geschottert.

Gern hätte Knittel für seinen Wohnort Bingen auch das städtische Vorsorge-Konzept erstellt. „Aber wir werden derzeit erschlagen mit Anfragen. Keine Chance.“