Ein Zufluchtsort auf Zeit

aus Leser helfen

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Foto: Christine Tscherner

Die Herberge der Caritas bietet Nichtsesshaften in Bingen einen Schutzraum auf Zeit. Ein Stückchen Normalität am Rand der Gesellschaft.

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BINGEN. Wie kann das denn passieren? Ohne Dach über dem Kopf, ohne Wohnung im reichen Deutschland? „Die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen bei uns, keine Geschichte ist gleich.“ Thomas Stadtfeld, Leiter der Wohnungslosenhilfe im Caritasverband, kennt viele Lebensgeschichten. Sie handeln oft von Jobverlust, schwierigen Familien, von Drogensucht, kranker Psyche oder Verlust des Partners. „Einzige Gemeinsamkeit ist der Bruch mit sozialen Kontakten“, weiß Stadtfeld.

Die Herberge an der Mainzer Straße fängt auf. Sie setzt mit ihrem Team dort an, wo andere am liebsten wegsehen. Obdachlose finden seit 30 Jahren in Bingen eine Anlaufstelle, eine Begegnung mit Respekt, ein Bett für die Nacht. „Leser helfen“ schaut sich in den nächsten Wochen im Haus um. Wer kommt her und warum? Ehrenamtliche und Hauptamtliche berichten. Küche und Kleiderkammer stehen offen.

Gäste wollen nicht immer ihren Namen in der Zeitung lesen. Aus Scham oder um Angehörige zu schützen. Das ist okay. Dennoch erfährt der Zuhörer von diesem Leben ohne Heimat und ganz hart am Limit, von fehlender Geborgenheit, wie Alkohol zum Tröster und Feind gleichermaßen wurde und warum ein Platz wie die Herberge so wichtig ist.

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Ziel ist der Weg zurück in ein normales Leben

Ziel der Caritas als Träger ist der Weg zurück in ein „normales“ Leben. Eines mit Adresse, Arbeit, Internetanschluss und Freundeskreis. Klar ist nämlich schnell: Mit selbst gewählter Luxusreduktion und Pilgerwandern hat dieses Leben aus dem Rucksack nichts gemein. Es findet haarscharf am Rand der Gesellschaft statt.

Wer sich in der Herberge als Helfer engagiert, erntet meist keine Lorbeeren. Umso bemerkenswerter ist die Beharrlichkeit der Initiative, die sich 1984 in Bingen gründete. Christen der evangelischen Johanneskirchengemeinde und der katholischen Gemeinde St. Martin verbanden sich zur Ökumenischen Nichtsesshaftenhilfe. Mehr als christliche Nächstenliebe brauchten sie nicht als Motiv.

Ziel beider Konfessionen war es, Menschen ohne festen Wohnsitz einen Ort der Zuwendung zu bieten und eine Phase der Ruhe. Das alte Badhaus am Rhein war die Keimzelle. Die Stadt überließ der Nichtsesshaftenhilfe Platz für acht Betten. Ehrenamtliche boten samstags eine Teestube. Vier Jahre später zog der Verein in eine provisorische Herberge über den öffentlichen Toiletten auf dem Neffplatz. Wegen Abriss und Neugestaltung des Platzes begann die Suche nach Alternativen. Das gelbe Haus an der Mainzer Straße stellte die Hilfe ab 1990 auf neue Füße.

Nach 20 Jahren in Vereinsträgerschaft übergab die Ökumenische Nichtsesshaftenhilfe an den Caritasverband Mainz als Kooperationspartner. Der Einsatz der Ehrenamtlichen blieb als Fundament.

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Obdachlosigkeit betrifft nicht mehr nur Männer

Menschen ohne Obdach sind im Binger Stadtbild nie selten gewesen. Sie liegen in Unterführungen, richten sich in Buswartehäuschen ein, campieren im Freien. Die Stadt am Rhein-Nahe-Eck ist für Menschen ohne festen Wohnsitz häufig Zwischenstation an der Rheinschiene.

Die Herberge an der Mainzer Straße bietet Unterkunft für ein paar Tage pro Monat, sechs Nächte maximal. „Durchwanderer gehören zur Kerngruppe“, sagt Herbergsleiter Sascha Horn. Sie ziehen von Haus zu Haus, bleiben jeweils ein paar Nächte und starten die Route nach Ablauf von vorn. Erschreckend: Immer mehr junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sind unter den Gästen. Und auch Wohnungslose aus dem Kreisgebiet wenden sich in Krisenzeiten an die Herberge.

Längst ist Obdachlosigkeit kein rein männliches Problem mehr. Das Binger Haus hat reagiert. Von den 16 Betten sind drei für Frauen reserviert. Notunterkünfte für Frauen auf der Straße sind rar.

Ehrenamtliche leisten an Wochenenden und Feiertagen Dienst. Sozialarbeiter helfen beim Schritt zurück in ein geregeltes Leben. Die Wiedereingliederungshilfe einer Wohngruppe in Dietersheim ist ein solcher Schritt. Für einen symbolischen Euro können Obdachlose in Bingen ein Bett beziehen, Wäsche waschen, im Internet surfen, duschen, frühstücken und zu Abend essen. Kleiderkammer, Schlafräume und Gemeinschaftsküche stehen Schutzsuchenden offen.

„Manche wollen überhaupt keinen Kontakt, sondern wirklich bloß einen sicheren Ort für die Nacht“, weiß Horn. Auf rund 300 Übernachtungen pro Monat beziffert der Herbergsvater die Belegung. „In diesem Jahr haben wir die Zahlen von 2017 schon überschritten“, sagt er – trotz langer und trockener Sommersaison.

Wer meint, die Winter wären typisch für Vollbelegung, der irrt. „Wer draußen campiert, bleibt meist das ganze Jahr im Freien, außer bei wirklich klirrender Kälte“, unterscheidet Thomas Stadtfeld.

Um das Angebot der Zuflucht aufrecht zu erhalten, braucht die Herberge Finanzkraft. Der 24-Stunden-Betrieb mit Übernachtung, Beratung und Tagescafé kostet neben Personal auch Unterhalt für Strom, Gas und Wasser. Zuschüsse des Landkreises und Mitgliedsbeiträge des Vereins reichen längst nicht aus, um das jährliche Defizit von 40 000 Euro zu decken. Ohne Spenden geht nichts.

„Leser helfen“ will die Obdachloseneinrichtung der Caritas unterstützen, weil sie vorurteilsfrei und respektvoll mit Menschen am Rande umgeht. Weil Helfer erst einmal nicht nach dem Warum fragen, sondern Notwendigkeit erkennen und Raum bieten. Für Geborgenheit auf Zeit, zum Kraft schöpfen, zum Gespräch. Statt wegzuschauen.