Die zwei Gesichter von Bingen

Museumspädagogin Sabine Markowski und Archivleiterin Petra Tabarelli im Stadtarchiv Bingerbrück mit verschiedenen Stadtansichten für die Memory-Paare. Foto: Christine Tscherner

Die Museumspädagogin Sabine Markowski und Archivleiterin Petra Tabarelli arbeiten zurzeit an einem Memory mit historischen und aktuellen Stadtansichten.

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BINGERBRÜCK. Ermittler im Archiv: Petra Tabarelli und Sabine Markowski sichten im städtischen Fundus alte Fotos nach ganz speziellen Kriterien. Die Archivleiterin und die Museumspädagogin arbeiten an einem Bingen-Memory. Detektivarbeit ist nötig. Generationenübergreifend sollen alte Stadtansichten und aktuelle Optik zum historischen Spiel verschmelzen. Gedächtnis ist gefordert, Interesse am „alten“ Bingen das Ziel. Ein Besuch in der Bingerbrücker Ideen-Werkstatt.

„Im Depot-Haus am Speisemarkt war früher das Kaffeehaus Soherr.“ Sabine Markowski legt ein Foto der historischen Fassade neben ein aktuelles. Eine leichte Paarung. Wiedererkennen ist simpel. Aber wo bitte stand die Patronetasch, das urige Binger Lokal und Signet der Gruber Narren? Das Grubenviertel hat sein Gesicht durch Abriss und Neubauten komplett verändert.

Auch die Kloppgasse bot früher ein völlig anderes Bild. Und das alte Foto von der Bubenschule etwa an der Stelle des heutigen Kulturzentrums ist nur mit Hilfestellung einzuordnen. „Manche Binger Straßenzüge haben sich so stark verändert, da funktioniert das Erkennen nicht mehr“, weiß Markowski. Kriegszerstörungen sind ein wesentlicher Grund. Das zufällig zeitgleiche Treffen der Museumspädagogin im Stift Sankt Martin mit Hildegardisschülerinnen der Kultur-AG wurde zur Initialzündung. „Ich hatte alte Ansichten von Bingen für Seniorengespräche im Gepäck.“ Aus dem rätselnden Schülerblick auf die Uraltfotos entstand eine kurze Smartphone-Pirsch: Schülerinnen sollten die Standorte der alten Fotos aufspüren.

Markante Details wie das Türportal des Kossmann-Hauses am Citycenter oder die Brunnentiere am Busbahnhof erleichtern die Suche. „Schwierig wird es, wenn ganze Häuserzeilen wie an der Nahe oder am alten Pfarrhof längst Geschichte sind“, zeigt Sabine Markowski Beispiele. Am Ende liegt der gesamte Rolltisch voller Schwarz-Weiß-Aufnahmen verschiedener Epochen. Die Testphase läuft.

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Der generationsübergreifende Ansatz hat jedoch Charme. Wertschätzung von Wissen in der Seniorenarbeit trifft auf Schüler oder Zugezogene, die ihre Stadt besser kennenlernen können. „Interesse an der Stadtgeschichte wecken“ ist Archivleiterin Tabarelli wichtig. Über Kindheitserinnerungen mit Senioren ins Gespräch kommen und ihr Wissen um die Binger Wurzeln anzapfen, das hat Sabine Markowski im Sinn. Bis zu einem fertigen Memory mit aussagekräftigen Bildpaaren sei noch eine Menge Sichtungsarbeit nötig. „Nicht zu schwer und mit klaren Bezugspunkten“ müssten die Fotos ausgewählt sein, sagt Tabarelli. Die Salzstraße bietet dafür gute Motive. „Dort führte eine Straßenbahn durch, das kann sich heute kaum ein Schüler vorstellen.“ Auch an die Zusammenarbeit mit Binger Hobbyfotografen denken Markowski und Tabarelli, um den Blickwinkel der alten Bilder nachzustellen. Im Kulturausschuss reichte ein Hinweis auf die Memory-Idee im Jahresbericht. „Das Interesse war sofort riesig“, so Tabarelli. Sie hat sich schlaugemacht: In Weimar lassen sich Stadtansichten aus verschiedenen Dekaden mit einem Cursor übereinander schieben. In Dresden kann der Gast Postkarten-Boxen kaufen und 48 Motive von vor 100 Jahren mit dem aktuellen Stadtbild von Elbflorenz abgleichen. Ob Bingen vielleicht auf digitales Memory für seine Schwarzweiß-Schätze setzen soll? Wann und wie die Binger im Hirnkasten kramen können, steht noch nicht fest. Noch fahnden die beiden Fachfrauen nach markantem Bildmaterial. Aber die Pilotphase klingt bereits richtig vielversprechend …