Die Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen

Bei der Buchvorstellung (v.l): Sandra Ess (Verlag Matthias Ess),  Matthias Schmandt, Erich Michael Lang,  Tobias S. Schmuck und Petra Tabarelli. Foto: Sören Heim

Der Leiter des Museums am Strom in Bingen hat ein Buch über Bingen im Nationalsozialismus herausgegeben. Vorausgegangen war ein aufweniges Quellenstudium.

Anzeige

BINGEN. Tatsächlich erscheine das Buch recht spät, sagt Dr. Matthias Schmandt, Leiter des Museums am Strom und Herausgeber des Buches „Bingen im Nationalsozialismus. Quellen & Studien“, das im Verlag Matthias Ess erschienen ist. Das Buch wurde am Donnerstag im Gespräch mit AZ-Redakteur Erich Michael Lang und den Autoren Petra Tabarelli und Tobias S. Schmuck im Museum vorgestellt. Spät, weil die in der Publikation bearbeitete Zeit ja doch immerhin jetzt weit über 70 Jahre her sei, und spät auch im Vergleich zu anderen Städten, die die schriftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der eigenen Stadtgeschichte deutlich früher angegangen seien. Aber, wie im Verlauf des Gespräches klar wird: nicht zu spät.

Noch immer können Debatten angestoßen werden, viele Menschen, ältere und jüngere, wollen über diese Periode der Stadtgeschichte etwas lernen und, wie Schmuck anmerkt: Man habe durch das späte Publikationsdatum auch den Vorteil gehabt, etwas freier von emotional geführten Streitigkeiten über den Nationalsozialismus schreiben zu können. Auch die Quellenlage sei heute deutlich besser.

Aufreibende Arbeit in den Archiven

Allerdings mussten die Quellen für „Bingen im Nationalsozialismus“ erstmal erschlossen werden. Von aufreibender Arbeit in den Archiven erzählt die Binger Stadtarchivarin Tabarelli, die Aufsätze zur Quellenlage und zur Stadtverwaltung von 1933 bis 1945 zum Band beigetragen hat. Sehr verstreut seien die Quellen zur Stadtgeschichte, allein in den Binger Archiven zu wühlen, reiche nicht aus. Und dann gebe es auch Lücken. So lägen etwa die Stadtratsprotokolle vom späten Mittelalter bis 1942 vor, und dann erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Unzählige Akten seien überhaupt zum ersten Mal erschlossen worden. Auch das ist eine Zielsetzung der Arbeiten zu „Bingen im Nationalsozialismus“: Quellen zu katalogisieren und eine Basis für nachfolgende Forschungen zu schaffen. Wer dramatische Geschichten und Kämpfe von Gut gegen Böse erwartet, werde hinblicklich der Stadtverwaltung enttäuscht, so Tabarelli weiter. Vielmehr zeichne sich Bingen durch eine beeindruckende Kontinuität aus: Die gleichen Menschen wie bereits in der Weimarer Republik arbeiteten in der Verwaltung. Einige wenige ließ man gehen, stellte sie, als das Personal knapp wurde, jedoch wieder ein. Eigentlich ist Hanna Ahrendts Satz von der „Banalität des Bösen“ längst ein Gemeinplatz, doch auch für Bingen könnte das die eigentlich schockierende Erkenntnis der Ausarbeitung sein: Im Alltag wurde der NS von durchschnittlichen Menschen getragen. Das berichtet auch Schmuck, der bis 2012 an der Hildegardisschule Geschichte unterrichtete, über seine Forschungen zum Schulbetrieb. Natürlich habe es an den Binger Schulen überzeugte Nazis gegeben und Mitläufer, jedoch durchaus einigen Raum zur freien Unterrichtsgestaltung. Auf der anderen Seite seien Grenzen verschwommen und immer unklarer geworden, wo etwa die Hitlerjugend aufhörte und der Schulbetrieb anfing. Die Hildegardisschule aber habe sich dem System als Schule des Bistums weitgehend entziehen können.

Anzeige

Und wie „braun“ war Bingen nun? Die Frage von Moderator Lang zu beantworten, so Schmandt, sei immer noch kompliziert. Bingen unter dem Nationalsozialismus stelle sich als „Bild aus vielen Einzelkosmen“ dar. Und die Aufarbeitung sei lange nicht abgeschlossen. So seien etwa vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Bingen sieben von acht Weingroßhändlern jüdischer Herkunft gewesen, und die Aufarbeitung der sogenannten Arisierung im privatwirtschaftlichen Bereich stehe noch am Anfang. Entsprechend sollen weitere Bände folgen. Auffällig aber sei, dass es lange gedauert habe, bis die Nazis in Bingen wirklich hatten Fuß fassen können.