Den Binger Schiefer im Glas schmecken

In der einen Hand ein Quarzit-Härtling, in der anderen ein Glas Wein: Andreas Stolz im Wingert. Foto: Christine Tscherner

Andreas Stolz lässt (Wein-)Touristen durch das Fenster der Geologie blicken.

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BINGEN. Andreas Stolz, 42, sieht seine Heimatregion mit anderen Augen. Der Geologe sieht Schiefer und Quarzit, wo Spaziergänger nur Stein erkennen, unterscheidet Löss und Sedimente von schnöden Erdkrumen. Seit drei Jahren bietet der Binger Spaziergänge durch die Erdgeschichte und Terroir-Touren für Wein-Touristen an.

Zwei Wanderrouten hat Stolz allein am Rochusberg im Programm. „Die Vielfalt der geologischen Formationen auf engem Raum ist in Bingen besonders hoch“, sagt Stolz. Deshalb kann der Diplom-Geologe auch variantenreich über den Einfluss von Boden, Klima und Winzerarbeit auf den Wein berichten.

Kooperation mit Winzern und Kulturbotschaftern

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„Denn Terroir ist ein Sammelbegriff, der all diese Faktoren mit einbezieht.“ Die gleiche Winzerarbeit übers Jahr bei gleichen Rieslingpflanzen ergibt auf unterschiedlichen Böden verschiedene Ergebnisse. Diesen Unterschied kann der Gast direkt vor Ort im Glas schmecken. „Dazu ist die Westseite des Rochusbergs besonders gut geeignet.“

Der einzige echte Schieferhang in Rheinhessen, der städtische Weinberg unterhalb der Burg Klopp, zeigt ganz offen seine dunkelgrau-blättrige Struktur. Ein halbes Dutzend Mal ist Andreas Stolz die Terroir-Tour mit Gruppen gelaufen. Den Ostteil mit dem Kempter Eck und der Premium-Weinlage Kirchberg, dem Goethestein und den Lössschichten der Hohlwege würde Andreas Stolz gern in Kombination mit Weinfesten anbieten.

Auch die Zusammenarbeit mit Weinbauern oder Kulturbotschaftern habe sich andernorts bewährt. „Jeder hat dann seinen Part.“ Geologe Stolz geht es um das Hervorheben regionaler Unterschiede in der Kulturlandschaft, um den Facettenreichtum seiner Heimatregion.

„Vielfalt vermarkten, das ist spannend und eigentlich genau unser Thema“, sagt Georg Sahnen als Binger Touristik-Chef. Bislang hat es Andreas Stolz aber noch nicht auf städtische Veranstaltungsflyer und die Homepage der Stadt geschafft. Für Kooperation sei noch Luft nach oben, findet der Geologe.

Egal ob Keller- oder Kostümführer, Welterbe-Botschafter oder Kultur- und Landschaftsführer – nur mit einer netten Idee und viel Wissen allein ist keine Tour vermarktet. Es braucht schon rühriges Dauertrommeln der Aktiven selbst, Unterstützung von Touristikern und enge Winzer-Zusammenarbeit für den Erfolg.

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Inzwischen führt der Binger auch Gruppen durch das Devonmeer von Bacharach und Schiefersteillagen oder wird von Winzern an der Nahe gebucht. „Die Mittelgebirgslandschaft dort hat ihren Ursprung in einer subtropischen Vulkanlandschaft, auch sehr spannend.“ Aber in Bingen liegen vier Weinanbaugebiete sowie der Mix aus rheinischem Schiefergebirge, Fluss- und ehemaligen Meeresablagerungen, Kalk- und Quarzit dicht beieinander.

„Ich suche mir immer zuerst die geologische Lage heraus, dann ein tolles Panorama, und dann frage ich nach, wem der Weinberg gehört.“ Für einen größeren Radius als zu Fuß steigt Andreas Stolz auch aufs Trekking-Rad: Rund um Bingen oder an Selz und Rhein entlang bietet er geologische Radwanderungen an bis hin zur dreitägigen Saar-Blies-Glan-Nahe-Rhein-Tour von Saarbrücken über Frankreich nach Bingen.

Andreas Stolz hat zur Geologie über einen Umweg gefunden. Sein Geld verdient er als Fliesenlegergeselle. „Das Gymnasium habe ich abgebrochen und zunächst die Handwerkerlehre gemacht.“ Um sein Faible für die Erdgeschichte an der Uni zu studieren, musste er die Hochschulreife nachholen.

Gäste seiner Region durch das Fenster der Geologie blicken lassen, das hat er sich fest vorgenommen. Sanfte Auen und schroffe Täler gepaart mit tollen Panoramawegen führt er als Pluspunkte auf. Dazu kommen Steinbrüche und Bergwerke, Steilwände und Felsenmeere für erdgeschichtlichen Tiefblick. „Wir haben hier einen der vielfältigsten Landstriche in Mitteleuropa.“