Das Leben der Hildegard von Bingen als Musical

Claudia Kurz als Hildegard und Josch Röger als Volmar bei der Premiere des Muskicals „Ich sah die Welt als EINS“. Foto: Sören Heim

Multimedial ist die Inszenierung von Martin Rector „Ich sah die Welt als Eins“ über die berühmte Kirchenlehrerin. Der Binger Musiker konnte sein Werk dank Crowdfunding realisieren.

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BINGEN. „Alle Schönheit der Welt findet man in einer Pflanze“, singt der Chor „Good News“ zum Auftakt des Hildegard-Musicals „Ich sah die Welt als EINS“, das am vergangenen Sonntag in der Basilika St. Martin aufgeführt wurde. Und weiter: „Im Einzelnen siehst du das Ganze“. Dieser Aspekt, das Überwinden des Dualismus zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Schöpfung, sei für ihn das Besondere an Hildegard von Bingen, sagt Martin Rector, Autor des Werkes: „Für Hildegard ist Gott ständig in seiner Schöpfung präsent, die Schöpfung ist durchdrungen von Gott.“ Dieser Leitgedanke stehe hinter dem Musical.

Nach zehn Jahren dank Crowdfunding inszeniert

Mehr als zehn Jahre hat es gedauert, bis das Werk endlich den Weg auf die Bühne gefunden hat. Geschrieben hat der Binger Musiker „Ich sah die Welt als EINS“ bereits 2008, doch erst eine Crowdfunding-Kampagne im Verlauf dieses Jahres ermöglichte endlich die Inszenierung. Über 5000 Euro kamen durch diese Kampagne zusammen, die im Rahmen der Initiative „KulturMut“ angestoßen und ausgezeichnet wurde. So konnten die technischen und auch personellen Kosten einer Inszenierung bewältigt werden. Als Sängerinnen konnten Annette Artus und Claudia Kurz, jeweils in der Rolle der Hildegard, gewonnen werden, dazu Menna Mulugeta in wechselnden Rollen. Als Hildegards treuer Schreiber Volmar tritt Josch Röger auf, Andreas Bischel spielt die Rolle von Abt Kuno.

Das Ergebnis ist ein sowohl im Ton, als auch in den Formen der Inszenierung abwechslungsreiches Werk. Mancher Titel ist eng an die Texte und die musikalischen Formen der Kirchenlehrerin angelehnt, bis hin zum Hildegardgesang „De Sancto Ruperto“, der die vollständige Wiedergabe eines Originals aus der Feder der Kirchenlehrerin darstellt. Andere Stücke, etwa die Musical-Fassung des liturgischen Singspiels „Ordo Virtutum“, wurden übersetzt und modernisiert, weitere Texte greifen zwar Ideen und Stationen aus dem Leben Hildegards auf, erscheinen aber im Gewand zeitgenössischer Popsongs und anderer moderner Liedformen. So etwa die sanfte Ballade „Richardis Lied“, die Lopreisung Hildegards aus dem Munde einer engen Vertrauten, oder auch der mit lang anhaltendem Applaus bedachte Schlusstitel „Preiset den Herrn“, jeweils dargeboten von Menna Mulugeta.

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Über zahlreiche Lebensstationen begleitet das Musical Hildegard von Bingen – vom Einzug ins Kloster in früher Kindheit, über die ersten Kontroversen rund um die Visionärin, zur Klostergründung auf dem Rupertsberg und bis ins hohe Alter, wobei sich die Kirchenlehrerin auch immer wieder mit den Autoritäten der Kirche anlegte. So etwa, als die bereits 80-jährige Hildegard einen Exkommunizierten in geweihter Erde begraben ließ, was ihr kurzfristig den Kirchenbann eintrug. Diesen Konflikt behandelt der Titel „Erlöser der Welt“ gegen Ende des Musicals.

Gesang ist aber stets nur eines der Mittel, die die Geschichte erzählen. Auf einer großen Leinwand erwachen zwischenzeitlich mittelalterliche Zeichnungen zum Leben, moderne Comics oder auch Filmschnipsel tragen ihren Teil bei. Ein visueller Kanal, den Rector mithilfe internationaler Freelancer realisierte. Auch hier sieht der Zuschauer im Anschluss die Welt dann vielleicht noch ein Stück mehr als „eins“.

Rector und sein Ensemble hoffen, Hildegards Leben noch oft auf die Bühne bringen zu können. Die nächste Aufführung steht am 22. September in der Ingelheimer Burgkirche an. Am 27. Oktober ist eine Inszenierung in der katholischen Kirche St. Joseph in Alzey geplant.