BKV-Sitzung in Bingen: „Bombensitzung“ bietet närrischen...

Zum Finale sangen und tanzten Saal, Akteure und Elferrat bei der BKV-Prunksitzung gemeinsam in die Nacht.Foto: Edgar Daudistel  Foto: Edgar Daudistel

So irgendwann nach 0.30 Uhr kann sich der Narr zufrieden und erschöpft wieder auf seinen Stuhl zurückfallen lassen. „Was war das doch für eine tolle Sitzung, wie hab ich...

Anzeige

BINGEN. So irgendwann nach 0.30 Uhr kann sich der Narr zufrieden und erschöpft wieder auf seinen Stuhl zurückfallen lassen. „Was war das doch für eine tolle Sitzung, wie hab ich mich amüsiert!“ In seiner 185. Session zeigt sich der BKV jung und kraftvoll wie eh und je. Die zweite Auflage der Großen Prunk- und Familiensitzung im Rheintal-Kongresszentrum war ein närrischer Treffer ins Schwarze. Viele Male im Verlauf des vierfarbbunten Abends standen die Närrinnen und Narren auf, um Applaus zu spenden, zuweilen sogar noch während einer laufenden Nummer. Das gendermainstreamende Präsidentengespann Manuela Beck und Hartmut Merkelbach hatten leichtes Spiel. Sie brauchten nur anzutippen, und wie bei einem Aufziehmännchen spulte sich die Narretei punktgenau ab.

Humoristisch immer geschickt verpackt

Zwei konstitutive Schwergewichte der Saalfastnacht kamen ausgewogen und in Perfektion zu ihrem Recht: das literarisch-politische Element und der Tanz und Gesang. Eine Truppe trat da an, die ihr Handwerk versteht. Das Politische kreiste natürlich um die vorhersehbaren Themen der globalen, nationalen und lokalen Ebene. Aber es war immer humoristisch geschickt verpackt. Beim Tanz wiederum Überraschung und Begeisterung pur. Das fing schon mit den Jüngsten an, den Tanzmariechen Julia und Chantal: getanzte Lebensfreude pur, die den Funken in den Saal überspringen ließ. Dann der schwung- und temperamentvolle Auftritt der Garde. Die Dunnerwetter auf hoher See: Dunnerwetter, war’n die gut! Und schließlich Show und atemberaubende Akrobatik: Shining Motion mit einer Mondreise in tollen Kostümen und der krönende Abschluss, der den Saal fast durchdrehen ließ: die Kölner Höppemoetzjer.

Anzeige

Die Rednerriege stand dieser Leistung in nichts nach. Und wieder gelang Präsident Merkelbach bei der Programmplanung das Kunststückchen, die Stimmungskurve zu halten, obwohl zum Teil drei Beiträge aufeinander folgten, was gewöhnlich als heikel für die Saalfastnacht gilt. Aber die Aufmerksamkeit war groß, schlicht weil die Narren in der Bütt gut waren. Maßstäbe setzte bereits Sekretär Ulrich Schumacher, der die Bütt auch als BKV-Senatspräsident betrat. Kurz vor der Sitzung sagte er: „Es ist einiges dabei, was sicher auch Ihnen gefällt.“ In der Tat, er hatte Recht. Peter Eich stereo in seinen Paraderollen als Hildegard und Stefan George. Pöbelnde Gruppen am CityCenter könne man ja durch Hildegard-Gesänge vertreiben. Das ist Eich! Bernhard Knab als Deutscher Michel: Meenzer Fassenacht in Perfektion. Frank Brunswig und Julian Seit als zwei Saalkellner voll auf einheizender Kokolores-Tour: Wie heißen dicke Veganer? Pflanzliche Fette! Rüdiger Schlesinger als Redakteur wusste das Vortragsformat durch Gesangseinlagen ungemein stimmungsvoll zu bereichern.

Ja, und dann kam einer, den die Narrenschar sehnlichst vermisst hatte und der nun wieder auf der Bühne stand: Eberhard (Eb) Röthgen als Escort-Service für einkaufende Frauen. Wenn die Damen ihn beim Einkaufsbummel tatsächlich im Schlepptau hätten, gäbe es viel zu lachen. Eine närrische Meisterleistung war die Biegedraht-Party der Winzer mit Begleitmusik aus Flaschen und Schraubverschlüssen. Ein echter Hochgenuss, wie die Torten des Konditormeisters. Urkomisch dann Gerd Emrich, der das Früher mit dem Heute verglich. Auch er setzt Gesang mit ein. Wer’s kann, der arbeitet damit an einer Renaissance des klassischen Vortragsformats. Und er kann es, und wie! Der Singsang von Adi Guckelsberger als Nachtwächter, der es auf chorische Antworten aus dem Publikum anlegt, ist perfekt. Die Reime schaukeln sich urkomisch jeweils zur Pointe auf, die dann auch richtig reinknallt.

In diesem Jahr brachte der BKV schließlich unglaublich starke Créateurs de Malheur auf die Bühne. In jeder Hinsicht: textlich, musikalisch und auch gesanglich. Schmissige Melodien, zum Teil richtig giftige Texte und Stimmen, denen jeder Narr mit großer Freude zuhören kann. Die Truppe sollte dann auch im Finale ein großer Gewinn sein. Sie sorgten für den bombigen Abschluss einer Bombensitzung.

Von Erich Michael Lang