Bingen-Memory mit alten und neuen Stadtansichten

Sabine Markowski (l.) und Petra Tabarelli haben eine monatelange Recherchearbeit hinter sich, um ein von der Stadtentwicklung zeugendes Bingen-Memory zusammenzustellen. Foto: Christine Tscherner

Archivleiterin und Museumspädagogin haben ein Spiel keineswegs nur für ältere Mitbürger konzipiert.

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BINGEN. Wie Bingen vor 50 oder 100 Jahren aussah? Petra Tabarelli vom Stadtarchiv und Sabine Markowski von der Museumspädagogik sind auf Zeitreise gegangen. Die Detektivarbeit hat ein konkretes Ergebnis: ein Memoryspiel mit ausschließlich lokalen Bezügen. Die 32 Foto-Paare fordern zum genau Hinsehen auf und zur Beschäftigung mit Binger Geschichte.

Nur mit Mühe lässt sich die Schmittstraße in ihrer Vorkriegsoptik dem heutigen Straßenbild zuordnen. Beim Speisemarkt oder der Salzstraße gelingt das leicht. Gesucht werden beim Binger Memory nicht zwei identische Paare, sondern zwei gleiche Ansichten aus unterschiedlichen Jahren.

Veränderungen wahrnehmen

Das Alte Rathaus am Kochlöffel? Nie gesehen. Die Aufnahme aus dem Jahr 1950 hat nichts mehr mit dem Neubau dort gemein. Oder die Straßenflucht in die Basilikastraße? Nur die Hunsrückhöhen im Hintergrund lassen wenigstens die Richtung der Aufnahme erahnen. Das Viertel zwischen Amtsstraße und Kaufhausgasse wurde 1974 im Zuge der Altstadtsanierung abgerissen.

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„Das Spiel soll Anlass sein, Veränderungen im Stadtbild wahrzunehmen“, sagt Kulturamtsleiter Matthias Schmandt. Wer einen Denkanstoß braucht: Ein Begleitzettel löst die Paarungen auf und beschreibt die abgebildeten Häuser in kurzen Sätzen.

„Wir haben das Spiel im Seniorenstift erfolgreich getestet“, sagt Schmandt. Für alte Binger sind die historischen Fotos ein Schatz und fordern die Erinnerung. „Ei guck emol“ hat das Museum am Strom sein Memory getauft.

Der städtische Foto-Fundus wurde zur Basis. Nach ganz speziellen Kriterien haben Markowski und Tabarelli den Bilderschatz durchforstet. Nicht zu schwer und mit klaren Bezugspunkten, so mussten die Fotos ausgewählt sein. Die Fachfrauen fahndeten nach markantem Bildmaterial.

Hinter der Archivleiterin und der Museumspädagogin liegen Monate der Detektivarbeit. Alte Stadtansichten und aktuelle Optik verschmelzen nun zum historischen Spiel. Das Ziel: Interesse am „alten“ Bingen wecken.

Das zufällig zeitgleiche Treffen der Museumspädagogin im Stift Sankt Martin mit Hildegardisschülerinnen der Kultur-AG wurde zur Initialzündung. Markowski hatte alte Ansichten von Bingen für Seniorengespräche im Gepäck. Aus dem rätselnden Schülerblick auf die Uraltfotos entstand eine spontane Smartphone-Pirsch: Schülerinnen sollten die Standorte der alten Fotos aufspüren. Wertschätzung von Wissen in der Seniorenarbeit traf auf Schüler-Interesse. Schwierig wurde der Auftrag allerdings, wenn ganze Häuserzeilen längst Geschichte sind.

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Bis zum fertigen Memory mit aussagekräftigen Bildpaaren war wochenlange Sichtungsarbeit nötig. Geschichtskenner wie Bernhard Seyler und Horst-Dieter Kossmann unterstützten die Frauen. Wo bitte schön stand die „Patronetasch“, das urige Binger Lokal der Gruber Narren? Das Grubenviertel hat sein Gesicht durch Abriss und Neubauten nämlich komplett verändert. Auch die Kloppgasse bot früher ein völlig anderes Bild.

„Manche Binger Straßenzüge haben sich so stark verändert, da funktioniert das Erkennen nicht mehr“, weiß Markowski. Kriegszerstörungen sind ein wesentlicher Grund. Auch private Fotosammlungen von Trudel Scheuer, Hans Hammer, Georg Gundlach und Rudolf Engelhardt konnte das Team nutzen. 32 Paare schafften es schließlich in den Karton.

Stadtentwicklung wird visualisiert

Das Nebeneinander von alten und neuen Stadtansichten ist keine Binger Erfindung. In Weimar lassen sich Straßenzüge aus verschiedenen Dekaden mit einem Cursor übereinander schieben. In Dresden kann der Gast Postkarten-Boxen kaufen und 48 Motive mit dem aktuellen Elbflorenz abgleichen.

Pünktlich vor Weihnachten war das Spiel fertig. In der Tourist-Information und im Museum kann man es kaufen. Essenz für die Verwaltung: Wenn zwei Kolleginnen sich mit ihren Kompetenzen zusammentun, wirkt Teamarbeit höchst befruchtend. Kulturamtsleiter Schmandt lobt: „Das Spiel schärft den Blick für Stadtentwicklung.“