20 Jahre Verlängerung

Petra Tabarelli (l.) wird sich nach dem Ausscheiden von Horst-Dieter Kossmann (Mitte) um das Archiv kümmern. Kulturamtsleiter Matthias Schmandt dankte Kossmann für dessen Einsatz. Foto: Jochen Werner  Foto: Jochen Werner

„Würden Sie noch ein bisschen...?“ Im Herbst 1998, kurz vor Horst-Dieter Kossmanns offiziellem Schritt in den Ruhestand, hatte der damalige Bürgermeister Erich Naujack...

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BINGEN. „Würden Sie noch ein bisschen...?“ Im Herbst 1998, kurz vor Horst-Dieter Kossmanns offiziellem Schritt in den Ruhestand, hatte der damalige Bürgermeister Erich Naujack den nach über 20 Jahren aus städtischen Ämtern Ausscheidenden gefragt, ob er sich künftig nicht um das Archiv kümmern wolle. Und natürlich: Er wollte. Jetzt sagte der mittlerweile 79-jährige gelernte Raumausstatter, der sich wie kaum ein Zweiter in all den Dingen auskennt, die die Stadt, ihre jüngere Historie und ihre Bürger betreffen, ein zweites Mal „Tschüss!“. Ab April ist Petra Tabarelli für den Inhalt in den beiden Räumen im Keller der Bingerbrücker Grundschule zuständig.

Die Übergabe verlief reibungslos. Alles ist vorbildlich sortiert, alles geregelt. Ganz anders war das 1999. Die Hauptschule in Bingerbrück gab es nicht mehr, zwei Kellerräume waren frei geworden, standen für das Archiv zur Verfügung. Der Umzug hierhin war dringend notwendig. Auf Burg Klopp gab es mit der Zeit viele Probleme. „Die aufgestellten archivierten Zeitungsbände waren gewölbt, auf dem Rücken gab es überall Schimmel“, erinnert sich Kossmann. Er nahm sich ihrer an, reinigte sie, packte sie wegen Staub- und Lichtschutz sowie der Feuchtigkeit in Packpapier, lagerte sie in Bingerbrück flach in die Regale ein.

Kossmann kam 1977 nach der ersten Verwaltungsprüfung in Viernheim über eine ABM-Maßnahme zur Stadt Bingen, speziell in die Registratur und ins Archiv. Letzteres betreute er weiter, auch wenn er sich 24 Monate später vor allem um Lohnsteuern und Einwohnerwesen zu kümmern hatte. Kein Wunder: Schon Ende 1977 hatte er mit dem Aufbau des Binger Fotoarchivs begonnen. Seit dem Start mit der Analogfotografie reproduzierte er rund 80 000 Bilder aus Abzügen, Dias oder Negativen. Vor allem solche, die ihm leihweise überlassen wurden. Das Archiv wuchs damit Stück für Stück.

Dazu kam die von Ferdinand Moos unterstützte Idee, die Bilder der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Austausch mit Willibald Wacker entstanden so die heute nicht mehr wegzudenkenden Ausstellungen anlässlich des Winzerfestes. Mit dem „Niedrigwasser“ begann alles, danach folgte der Binger Wald. „Am meisten Freude gemacht hat mir die zum Heilig-Geist-Hospital“, denkt Kossmann zurück. Im Jahr 2014 war das. Seit diesen Tagen ist auch der Platz vor dem Binger Krankenhaus nach der ehemaligen Oberin, Schwester Elisabeth von Kesselstatt, benannt.

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Gelungener Abschluss von intensiver Forschungsarbeit

Für Kossmann, der dies angeregt hatte, war es der gelungene Abschluss einer intensiven Forschungsarbeit mit Besuchen im Villeroy & Boch-Museum, der dortigen Gruft mit dem Elisabeth-Grab und dem Zusammenfügen der Verwandtschaft der Adligen.

Zu seiner Arbeit gehörte auch das Erstellen von Kalendern für die einzelnen Binger Feuerwehren. Er arbeitete die Historie der Binger Post, des Weinbaus oder des Handwerks fotografisch auf.

„Alles an sich war schön“, sagt der gebürtige Kempter Horst Dieter Kossmann, der seit einigen Jahren in Waldalgesheim seine Heimat gefunden hat, heute. Sein jüngster Streich, den er seiner Nachfolgerin hinterlässt: „Einem kostenfreien Angebot, das uns die Allgemeine Zeitung von Ende der 1940er Jahre bis heute in gebundener Form hinterlassen wird, habe ich zugesagt“, berichtete er Kulturamtsleiter Dr. Matthias Schmandt bei der Verabschiedung im Archiv. Ein bisschen Wehmut ist trotzdem angesagt. Eines wird ihm künftig fehlen: die Treffen im Archiv. Es sind die Treffen mit Menschen wie Friedel Roos, Trudel Scheuer oder Kurt Honrath. Es ist Zeit für ein neues Kapitel, für Veränderungen.