Hochheim: Martin Zingsheim strapaziert die Lachmuskeln

In atemlosem Pointen-Tempo kitzelt Martin Zingsheim die Lachmuskeln seines Auditoriums in der Kirche. Foto: von Mengden

Beim Auftritt in der evangelischen Kirche wird zwei Stunden lang Wortakrobatik mit Scharfsinn geboten. „Aber bitte mit ohne“ heißt das neue Programm des Kabarettisten.

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HOCHHEIM/MAIN. Der erste Auftritt von Martin Zingsheim vor knapp vier Jahren in der Reihe „Kultur in der Kirche“, war von derart nachhaltiger Wirkung, dass sich auch am Sonntag das Gotteshaus wieder restlos füllte. „Aber bitte mit ohne“ titelte das neue Programm des Wortkünstlers, der als Träger des Deutschen Kleinkunstpreises mit einer der höchsten Würden ausgezeichnet ist, die einem Kabarettisten hierzulande zuteil werden kann. Tatsächlich braucht der 34-Jährige nur ein Mikrofon und die professionelle Ton- und Lichtausstattung von Sascha König, der damit auch als Sponsor für die frei von Kirchensteuer finanzierte Reihe auftrat.

Freilich bringt Zingsheim, der seit 2011 erfolgreich mit Kabarettprogrammen durch das Land tourt, das Charisma des Lieblingsschwiegersohns mit Schalk im Nacken mit. Dass der promovierte Musikwissenschaftler mit Doktorarbeit ein schlaues Köpfchen ist, stellt er gleich zu Beginn unter Beweis. Mit enormem Sprachgefühl arbeitet er sich in rasantem Sprechtempo durch abenteuerlich konstruierte Satzkonstruktionen, sodass dem Auditorium die Ohren nur so rauschen. Verzicht als der neue Luxus der Gutmenschen und Weltverbesserer sind sein Generalthema, das er aber auch immer wieder im Raketentempo verlässt, um sich in weit gefassten Umlaufbahnen in immer neue humoristisch-kabarettistische Galaxien zu schießen.

Aus der hohen Warte schaut Zingsheim teils bissig, teils mit mildem Spott auf das Gewese der Menschheit im 21. Jahrhundert. Da entdeckt er dann jene Spezies, die mitten im Wohlstandsleben den Verzicht entdeckt, was natürlich nicht frei von selbstentlarvender Komik ist, wenn Fleisch, Laktose, Religion und schließlich auch noch Überzeugungen ad acta gelegt werden. Bei seinen vier Kindern findet Zingsheim aber auch den natürlichen Impuls für elterliche Reduktion, vor allem finanziell, wie er dem vor Lachen glucksenden Publikum vermittelt. Gleichzeitig nutzt er seinen Nachwuchs als nahezu unerschöpfliche Quelle für dadaistische Situationskomik. Dann ist er aber auch schon wieder beim Irrsinn der Informationsflut und den aufgepumpten Statements der sogenannten sozialen Medien.

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Im Eiltempo kann der Kabarettist mit einer Kette von deutschen Redewendungen Dampf ablassen und schafft es, nur mit Bibelzitaten eine einigermaßen sinngebende Geschichte zu flechten. Bitterböse kann er werden, wenn er das Christentum mit der Scheinheiligkeit seiner Würdenträger kritisiert. Da kann einem schon der Atem stocken, wenn Zingsheim den sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen als „historische Aufführungspraxis“ deklariert.

Aber der Schnelldenker und -sprecher ist flott wieder bei einem anderen Thema – und bevor man ihn richtig greifen könnte, erkauft er sich schon wieder alle Sympathien mit einem Papa-Rap. Aus der ersehnten Karriere als Gangster-Rapper wurde nämlich nichts, denn ihm kamen Abitur und Respekt vor Frauen dazwischen.

Zingsheim folgt der alten Comedy-Regel, dass selbst bei einem Programm über den „asketischen Trendsport-Verzicht“ spätestens alle 30 Sekunden ein zündender Gag kommen sollte. Der pendelt bei ihm zwischen gut gemachtem Kalauer mit Oberflächen-Ästhetik und gut gedachtem Wortwitz mit philosophischem Tiefgang. Da ist wirklich für jeden etwas dabei. Zwei Stunden Wortakrobatik mit Scharfsinn, Zynismus und Selbstironie – da schmerzen die Lachmuskeln und die Synapsen im Kopf tanzen Rock´n Roll.