Bruno Podesta hört auf mit dem Radsport

Die Trophäen auf dem Schrank bilden nur einen Teil der Erfolge einer 70-jährigen Radsportler-Laufbahn ab. In den Händen hält der zehnfache Senioren-Weltmeister Bruno Podesta die Pokale für seine jüngsten Siege. Foto: Ulrich von Mengden

Bei der Senioren-WM im österreichischen St. Johann hat Bruno Podesta noch einmal einen Sieg gefeiert. Doch nun ist Schluss mit dem Radsport für den 85-Jährigen Hochheimer.

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HOCHHEIM/MAIN. Eine große Radsport-Karriere geht zu Ende: „Das war mein letztes Rennen“, sagt Bruno Podesta im Rückblick auf die Senioren-Weltmeisterschaften im österreichischen St. Johann. Es verlief allerdings ganz nach dem Geschmack des 85-Jährigen. Er war der Älteste im Teilnehmerfeld der 31 Fahrer über 80 Jahren, aber er war auch der Erste im Ziel. Zwei Minuten Vorsprung hatte er nach 40 Kilometer auf der Strecke mit zwei giftigen Anstiegen und rasanten Abfahrten. Im Radsport sind das auf dieser Distanz Welten.

Symbolträchtig war seine Teilnahme an einem Vintage-Rennen, bei dem die Teilnehmer auf Oldtimer-Rennrädern an den Start gingen. Das führte den Master-Fahrer Podesta auch wieder zurück in seine eigene Vergangenheit. Aus den 1980er Jahren lieh ihm sein Freund Johann Kraffert aus Kostheim ein Modell mit Stahlrahmen, Hebelschaltung, offen liegenden Zügen und Pedalriemen, das die Anforderungen für eine Teilnahme am Retro-Rennen erfüllte.

Bruno Podesta wäre aber nicht er selbst, wenn es ihn nicht fuchsen würde, dass er nur auf Rang zwei kam. Wohlgemerkt startete er in einem Feld, wo die Jüngeren geboren wurden, als er bereits als 16-Jähriger erste Rennen fuhr. Der Hochheimer Radsportler hat sein Leben dem Wettkampf auf zwei Rädern verschrieben.

Die Gesamtleistung des betagten Hochleistungssportlers ist bewundernswert. Er weiß es selbst nicht mehr so genau, aber es sind weit mehr als 1000 Rennen, die er auf dem Sattel absolvierte. Er schätzt, dass es wohl rund 150 000 Kilometer sind, die er in den vergangenen 70 Jahren im Renntempo abgestrampelt hat. Nimmt er alle Trainingsrunden dazu, kommen wohl über eine Million Kilometer zusammen, die er auf dem Rad absolvierte. Damit ist er 25 Mal um den Erdball geradelt. Sein Haus, in dem er mit Ehefrau Dorothea lebt, ist längst zu klein geworden, um alle Trophäen aufzubewahren. 169 Pokale von seinen wichtigsten Erfolgen sind noch übrig geblieben. Podesta fuhr in jungen Jahren in der Nationalmannschaft und gehörte zum Olympiakader. „Besser ein guter Amateur als ein schlechter Profi“, begründete er seine Absagen an verschiedene Rennställe, die ihn unter Vertrag nehmen wollten.

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Ruhepuls liegt bei 40 Schlägen die Minute

Der gelernte Automechaniker blieb finanziell lieber auf der sicheren Seite und betrieb seinen heiß geliebten Sport neben Berufs- und Familienleben. „Manchmal bin ich morgens um vier Uhr aufgestanden, habe 100 Kilometer trainiert, dann acht Stunden gearbeitet und erneut 100 Kilometer trainiert“, schildert er sein gewaltiges Pensum. Noch im Rentenalter vergingen kaum Jahre, in denen der zehnfache Senioren-Weltmeister weniger als 10 000 Trainingskilometer absolvierte. Obwohl ihm vor zwei Jahren ein Herzschrittmacher eingesetzt werden musste, konnte es der drahtige Ausdauerathlet nicht lassen und fuhr weiter Rennen. Noch als 84-Jähriger hat er zwei üble Unfälle gut weggesteckt, als ihn jeweils Autofahrer unachtsam von hinten umfuhren. Jetzt ist endgültig Schluss.

Seine medizinischen Parameter sind immer noch die eines Spitzensportlers. Seit Jahrzehnten hält er sein Gewicht von knapp über 60 Kilogramm. Sein Ruhepuls liegt bei 40 Schlägen die Minute. „Man muss sich Ziele setzen und die auch konsequent verfolgen“, lautete immer seine Devise im Beruf, in der Familie und im Sport.

Beim Radsport hat sein brennender Ehrgeiz nun nachgelassen. Er hat so viel erreicht, dass er niemandem mehr in Rennen etwas beweisen muss. Aber wehe, es überholt ihn jemand im Training am Berg. Jederzeit kann beim Rad-Methusalem das Jagdfieber wieder erwachen. Da lässt er die gerne stehen, die vom Alter her seine Enkel sein könnten. Und die wollen es nicht glauben, wie dieser Renn-Opa mit unwiderstehlichem Antritt an ihnen vorbei die steilsten Rampen nach oben stürmt.