Verständnis für die Klassik wecken

Pianistin Sabine Roderburg gibt beim Duchrother Werkstattgespräch einen Einblick in ihre Arbeit.                                    Foto: Wolfgang Bartels  Foto: Wolfgang Bartels

„Man muss nur das Herz öffnen und hören.“ So einfach ist das mit klassischer Musik. Das zumindest möchte Sabine Roderburg ihren Zuhörern im alten Duchrother Rathaus...

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DUCHROTH. „Man muss nur das Herz öffnen und hören.“ So einfach ist das mit klassischer Musik. Das zumindest möchte Sabine Roderburg ihren Zuhörern im alten Duchrother Rathaus nahebringen. Die Pianistin und Dozentin für Klavier und Kammermusik hat zu einem „Werkstattgespräch“ eingeladen.

Veranstalter ist der „Verein Kultur und Landschaft Duchroth (KuLD)“. Der Zweite Vorsitzende Peter Bergmann fordert die Gäste auf, sich auf eine Welt einzulassen, die für viele mysteriös sei. Die 63-jährige Musikerin, die seit 25 Jahren zwischen Düsseldorf und Duchroth pendelt, sagt, sie wolle den Menschen in ihrem Heimatdorf die klassische Musik näherbringen. Das seien ja diejenigen, die sich über das oft stundenlange Klavierspiel mit immer derselben Melodie wundern, das aus ihrem Haus oft zu hören sei. Roderburg spielt nicht etwa auf dem alten Klavier, das im Rathaus unter der Fahne des Männergesangverein 1878 steht. Ihre Kunst zeigt sie an einem echten Bechstein-Flügel. Bevor dessen Klänge den Raum erfüllen, stellt sich die Pianistin vor: „Ich bin in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Ich hab also schon im Bauch der Mutter klassische Musik gehört.“

Vergleich mit Helene Fischers Megahit „Atemlos“

Sie halte es mit dem Komponisten Robert Schumann. Der habe einmal gesagt: „Der Musiker hat die Aufgabe, die Menschen ganz tief im Herzen zu berühren.“ Was das für die Klassik bedeutet, macht sie an einem kleinen Beispiel deutlich, am Song „Atemlos“ von Helene Fischer: „Ein klassischer Komponist würde diese Atemlosigkeit in seine Komposition einbringen und musikalisch spüren lassen.“

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Wie das einst Franz Liszt gemacht hat, zeigt die Pianistin an dessen „Soirées de Vienne“, bei denen der Komponist Elemente aus der Volksmusik aufgegriffen hat. Es ist ja ein Werkstattgespräch, das den Besuchern Einblick in die Arbeitsweise eines Musikers geben soll. Dazu Roderburg: „Klassik ist einfach eine Übungssache. Am besten fangen Sie mit Mozart oder Chopin und ihren leicht zugänglichen Melodien an.“ Man müsse gar nicht viel über die jeweiligen Komponisten oder ihre Zeit wissen: „Das Wichtigste ist die Unvoreingenommenheit. Man muss nur das Herz öffnen und hören.“ Die klassische Musik bemühe sich um die ganz tiefen und ernsten Gefühle und suche für sie eine Ausdrucksmöglichkeit.

Vergleichbar mit einer Psychotherapie

Das animiert Peter Bergmann zu einer etwas ketzerischen Frage: „Ist die klassische Musik vergleichbar mit einer Psychotherapie?“ Zur Überraschung des Publikums antwortet die Pianistin mit Ja und berichtet aus ihrer Erfahrung: „Jugendliche, die was mit Klassik machen, haben weniger Probleme mit der Pubertät.“

Roderburg gibt ein Beispiel aus ihrer Werkstatt, welche Spielräume ein Pianist hat, eine Komposition zu interpretieren. Sie hat sich ein Stück von Fanny Mendelssohn vorgenommen, das „Lied für das Pianoforte“: „Das Blatt enthält nur die schwarzen Punkte der Noten, keine Vorgaben für Tempo oder Spielweise.“ Sie klimpert, wie ein Computer das Stück spielen würde – ohne Seele. Sie dagegen versuche, sich in das Stück einzufühlen: „Was weiß ich über diese Komponistin? Was weiß ich über diese Zeit? Wie ist damals musiziert worden?“

Und dann spielt sie das Stück auf ihre Weise: voller Emotionen und voller Melancholie – eine Melodie, die Herzen öffnen kann.