Mit den „Fußgängern“ an der Platte: Rollstuhlfahrer...

Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Herausforderung ist der amtierende Deutsche Meister in der Wettkampfklasse fünf der Rollstuhlfahrer, Selcuk Cetin, bei den Tischtennisfreunden fündig geworden.Foto: Simone Mager  Foto: Simone Mager

Die Suche nach dem Erfolgsrezept der Tischtennisfreunde (TTF) beginnt an einem Donnerstagabend. Die Jugend trainiert an vier Tischen. Im Eingangsbereich der Leinenbornhalle...

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BAD SOBERNHEIM. Die Suche nach dem Erfolgsrezept der Tischtennisfreunde (TTF) beginnt an einem Donnerstagabend. Die Jugend trainiert an vier Tischen. Im Eingangsbereich der Leinenbornhalle sitzen die älteren Mannschaftskollegen, schauen zu und stecken die Köpfe zusammen. Es wird gelacht und geschäkert. Der Verein hat neue Mitglieder gewonnen und sich auf Vorstandsebene deutlich verjüngt. Derzeit an der Spitze: Der promovierte Germanist Sören Stumpf, der in Trier arbeitet, aber seinem Verein weiter die Treue hält. „Wir stecken seit Jahren viel Energie in die Kinder- und Jugendarbeit, um Talente zu fördern. Viele Vereine machen das gar nicht mehr“, erklärt Stumpf. Bei den TTF kümmert sich Marcel Arnold um diesen Bereich.

Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Herausforderung ist der amtierende Deutsche Meister in der Wettkampfklasse fünf der Rollstuhlfahrer, Selcuk Cetin, bei den Tischtennisfreunden fündig geworden.Foto: Simone Mager  Foto: Simone Mager
Treffer: Die Jugendarbeit der Tischtennisfreunde Bad Sobernheim funktioniert.Foto: Simone Mager  Foto: Simone Mager

Die Jugendarbeit – sicher ein Pfund, mit dem der Verein wuchern kann. Doch nicht nur das: Es ist Freitagabend und die Herren freuen sich auf ihren Wettkampf gegen die SG Reich-Michelbach. Mit dem Wunsch nach einer neuen sportlichen Herausforderung ist Selcuk Cetin – seine Vereinskameraden nennen ihn Seli – auf die Tischtennisfreunde aufmerksam geworden. Seli ist Deutscher Meister in Wettkampfklasse fünf der Rollstuhlfahrer. Er war an Kinderlähmung erkrankt und sitzt von klein auf im Rollstuhl. Trotzdem nimmt er es mit den „Fußgängern“, wie er sie nennt, an der Tischtennisplatte erfolgreich auf.

Gerüstbaufirma spendet Rollstuhlrampe

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Gerade hat Cetin von der TTG Bad Kreuznach nach Bad Sobernheim gewechselt. Die Firma Baltes Gerüstbau hat eine Rollstuhlrampe gespendet, damit Seli in der Halle vom Eingangs- in den Spielbereich wechseln kann. Mit Schwung fährt er die Rampe hinunter und verkündet: „Heute Abend hab ich vor, zu gewinnen.“ 9:3 heißt es am Ende für die TTF gegen die Hunsrücker. Cetin kannte schon einige Spieler der TTF, bevor er sich für einen Wechsel entschied. „Das waren immer spannende und faire Wettkämpfe“, bescheinigt er seinen Vereinskameraden. „Ich mach das schon ein paar Jahre und hab mal eine neue Herausforderung gebraucht“, sagt der 46-Jährige, der auch schon mal von „Fußgängern“ als Gegner überrascht angeschaut wird, wenn er ihnen im Rollstuhl an der Platte begegnet. „Die haben geguckt und ruck zuck verloren. Man nimmt mich ernst“, scherzt er und ergänzt. „Sich mit den Fußgängern beim TTF sportlich zu betätigen ist gelebte Inklusion.“

Das Training findet in allen Spielstärken immer mit qualifiziertem Personal statt. Auch eine Kooperation mit dem Emanuel-Felke-Gymnasium besteht: Einmal in der Woche trainiert Hermann Loch die Schüler. „Wir sind für jeden offen“, stellt Sören Stumpf heraus. Der Verein bietet zudem sonntags sogenannte Einsteigerklassen an und beteiligt sich an Nachwuchscups an vier Terminen im Jahr. „Es ist schön, hier zu spielen“, ist der Vorsitzende überzeugt und betont, dass der reine Tischtennisverein sich komplett selbst trägt.

Die gesunde Vereinsstruktur lockt auch Spieler aus anderen Vereinen an, neben Seli gab es zwei weitere Neuzugänge: Marcel Flühr, ebenfalls von der TTG Bad Kreuznach, sowie bereits im Mai Dominik Hub, Ex-Kerpen- Illinger, wie der Verein stolz auf seiner Homepage verkündet. Der älteste Spieler in der Mannschaft ist Gernot Schmitt (70).

Derzeit sind die TTF mit insgesamt fünf Herrenmannschaften am Start. An den Trainings am Dienstag und am Freitag der Woche nehmen laut Stumpf regelmäßig etwa 20 bis 30 Personen teil. Was ist das Geheimnis des Vereins, was das Schöne am Tischtennisspiel? „Hier spielen ältere und jüngere Spieler zusammen. Wir haben eine gewachsene Struktur. Abwehr und Angriff, die Vielfalt und die Bandbreite, immer wieder neue Facetten – Tischtennis ist ein sehr taktischer Sport. Vieles läuft dabei mental ab. Das unterschätzen viele“, beschreibt Sören Stumpf.

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Verein wirbt im Amtsblatt für seine Spiele

„Seien Sie dabei, der Eintritt ist frei!“ Für den Besuch der Spiele wirbt der Verein neuerdings auch im Amtsblatt. Überhaupt plant der Vorstand, die Öffentlichkeitsarbeit noch zu intensivieren. Die Homepage wird gepflegt. Sie dient als Plattform für Spielberichte und die Mannschaftsaufstellung. Auch an Facebook und Twitter denkt Sören Stumpf: Kurznachrichten und kleine Videos während der Spiele.

Von Simone Mager